Kitas am Limit – Was läuft schief in der Kinderbetreuung? | André Marc Schneider
Transcription Whisper (large-v3), avec identification des locuteurs. À recouper avec la source d'origine.
Analyse automatique
Générée par IA — peut contenir des erreurs. Méthodologie
Chapitres
Répartition du ton (temps de parole politique)
Propositif 23 %Attaque 7 %Défensif 68 %
Questions et réponses
Taux de réponse directe : 91 % (directe = 1, partielle = 0,5, éludée = 0)
- 0:00OuverteRéponse partielle
Mais comment est-ce que vous pouvez le vivre avec ces situations ?
- 0:03OuverteÉludée
Gave-il aussi des affaires sur vous, sur les enfants ?
- 0:06OuverteÉludée
Tu es-tu juste avant le Burnout ?
- 2:06OuverteRéponse directe
André, je voudrais te demander, qu'est-ce que ça dit de notre société quand on privilégie la carrière et l'argent à la présence avec les enfants ?
- 5:59OuverteRéponse directe
Trouves-tu que le comportement social avant l'école doit être enseigné ?
- 8:53RelanceRéponse directe
Et tu es d'accord avec ça ?
Affirmations vérifiables (citations exactes)
- 0:33InvitéFait
« Wir haben kein Personal. »
- 0:37InvitéFait
« ich bringe mich jetzt um und du bist schuld. »
- 0:39InvitéFait
« Egal was morgen ist, ich mach mich strafbar. »
- 0:46InvitéFait
« Es gibt Eltern, die denken wir übernehmen die komplette Erziehung, die machen dann zu Hause gar nichts mehr. »
- 3:12InvitéFait
« In den 80er, 90er Jahren, da konnte ein Vater allein noch eine Familie mit zwei Kindern ernähren. »
- 3:29InvitéFait
« Und selbst in Teilzeit, wenn ein Elternteil nur in Teilzeit arbeitet, wird es echt schwierig. »
- 3:37InvitéFait
« Und ein Kind ist eine Luxusanschaffung geworden, wenn man das mal so sagen kann. »
- 4:20InvitéChiffre
« Also es kommt ganz darauf an, wo man wohnt. Aber teilweise hat man nämlich auch seine Kita-Kosten von 400, 500, 600 Euro im Monat. »
- 28:52InvitéFait
« Ja, ist es und das darf eigentlich nicht sein. »
- 30:22InvitéFait
« egal was morgen ist, ich mache mich strafbar. »
- 35:32InvitéFait
« Es gibt viele Stresserkrankungen. »
- 37:11InvitéFait
« Der Erzieherberuf ist doch recht anspruchsvoll. »
- 40:55InvitéFait
« Es gibt Eltern, die denken, wir übernehmen die komplette Erziehung, die machen dann zu Hause gar nichts mehr. »
- 48:12InvitéFait
« In Deutschland gibt es einen Rechtsanspruch auch auf einen Betreuungsplatz. »
- 1:32:08InvitéFait
« Weil der Gesetzgeber davon ausgeht, dass du erst dann eine fertige Persönlichkeit bist. »
- 1:39:00InvitéChiffre
« Das sind ja, wie gesagt, 7000 Euro im Monat. »
- 1:41:10InvitéFait
« Ich wusste das erst, als ich meine Kollegen kennenlernte, die sagten, ich habe gerade die Ausbildung zum Jugend- und Heimerzieher beendet. »
- 1:51:36InvitéFait
« Das ist ja klar, du kannst ja auch keine Erzieher backen. »
- 1:52:32InvitéChiffre
« dann habe ich mir das auszahlen lassen und dann habe ich hinterher ausgerechnet und dachte, scheiße, dann hast du jetzt für einen Stundenlohn von sechs Euro gearbeitet. »
- 1:55:20InvitéFait
« Sodass ich dachte, ich kann jetzt aus einer Zweizimmerwohnung, aus der Einzimmerwohnung in eine Zweizimmerwohnung ziehen. »
- 1:55:51InvitéFait
« Ach, dann bleiben Sie doch da, wo Sie sind. »
- 1:56:16InvitéFait
« Also die Wohnung wirkte größer, als sie war. »
- 1:57:03InvitéFait
« Und wenn du 50, 60 Prozent deines Gehaltes nur fürs Wohnen ausgibst, ich zahle gern fürs Wohnen, aber dann soll die Wohnung auch in Ordnung sein, bewohnbar sein. »
- 1:57:34InvitéFait
« Also Berlin bietet nach wie vor unheimlich viel kulturell. »
- 2:00:29InvitéChiffre
« Es ist eine Stadt mit ungefähr 300.000 Einwohnern. »
- 2:03:21InvitéFait
« Wir konnten bei Ihnen keine künstlerische Befähigung feststellen. »
- 2:04:09InvitéFait
« Wir haben pro Trimester so und so viel Geld zur Verfügung, können also nur so und so viele Projekte fördern. »
- 2:09:25InvitéFait
« Das trifft sowohl auf die künstlerisch-kreativen als auch auf die sozialen, pädagogischen Berufe zu. »
Temps de parole
- Invité62 %
- Présentateur22 %
- ?16 %
≈ 119,9 interruptions / 10 min (chevauchements et interjections détectés).
Modèle mistral-small-latest · prompt v1 · les citations sont vérifiées mot pour mot dans le transcript ; le taux de réponse directe est calculé à partir des verdicts question par question. Aucun label idéologique n'est produit.
Mais comment est-ce que
vous
pouvez le vivre avec ces situations ? Gave-il aussi des affaires sur vous, sur les enfants ? Tu es-tu juste avant le Burnout ? Où est-ce que
ça
encore ?
Une
Brennpunkt-Kita est un socialement brenn.
J
'ai
eu
venu à
tous les jeunes
de l
'Union, sans
une
rétive récente.
J
'ai eu
un
24h
d
'Ambit, j
'ai eu l'abalisé.
J'ai eu
l
'abalisé,
j
'ai eu l'abalisé. J'ai
eu l
'abalisé,
j'ai eu l
'abalisé.
J
'ai
eu
25 ans,
j
'ai eu
l
'abalisé. Pédagogisch arbeiten ging da nicht. Da es deine Gruppe, wenn was ist ich bin im Büro, wir haben kein Personal. Ständig neue Regelungen, sie stand dann so vor mir, ich bringe mich jetzt um und du bist schuld. Egal was morgen ist, ich mach mich strafbar. Es gibt Eltern, die denken wir übernehmen die komplette Erziehung, die machen dann zu Hause gar nichts mehr. Es brennt in Deutschland gerade an so vielen Stellen, dass ich tatsächlich nicht wüsste, wo man anfangen sollte.
Lieber
André,
Merci,
que tu es venus
ici.
Tu es extra de France en reis. Je me suis très heureux. Je me suis très
heureux. Je me suis
dit que tu es en un certain Hafen. D'est-ce que ton Wohlbefinden est à chaque époque à la place
de l
'occurité.
Je
me
suis très
heureux.
Je me suis très heureux.
Je me
suis très
heureux.
Je
me
suis
très heureux. André, Marc Schneider. Dein Weg a dich vom Schauspieler in die Jugendbetreuung gebracht,
wo
du den Beruf jetzt seit vielen Jahren ausübst. Du hast den Beruf von Grund auf kennengelernt, von der Ausbildung in einer grossen Berliner Kita bis hin zur intensiven Arbeit in der Jugendhilfe.
Du
hast viele Seiten dieses Berufs erlebt. Personalmangel, schwierige Situationen, Strukturen und in denen du teilweise an deine Grenzen gekommen bist, wie du sagst. Nebst dem bist du auch Autor. Du hast mehrere Bücher geschrieben.
Inzwischen
lebst du in Frankreich und arbeitest in Strasbourg.
Du
kennst das Betreuungssystem aus unterschiedlichen Perspektiven und was das eigentlich für Kinder, Fachkräfte und unsere Gesellschaft bedeutet.
André,
ich möchte dich fragen,
was
sagt es über unsere Gesellschaft aus,
wenn
wir Karriere und Geldhöhergewicht, als die Zeit, die wir mit Kindern verbringen
und Kinder, die,
ich weiß nicht, ob das das richtige Wort ist, Kinder, die fast outgesourst werden in ein System.
Was
sagt das über die Gesellschaft aus? Ich würde sagen, erst einmal zeigt es eine Werteverschiebung, weil das war ja nicht immer so. Aber ich denke auch, wenn man die Eltern befragen würde, würden wahrscheinlich gerne, ich würde sagen, zwei Drittel bestimmt, gerne mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen.
Ist
das so? Würde ich sagen, ja. Also aus meiner Erfahrung, ganz besonders in der Kita, da würde ich schon sagen, dass die Eltern gerne mehr Zeit verbringen würden. Natürlicherweise. Ja, aber es geht eben einfach nicht mehr. Also in
der
Zeit, in der wir groß geworden sind, in den 80er, 90er Jahren, da konnte ein Vater allein noch eine Familie mit zwei Kindern ernähren.
Man
konnte noch den Familienurlaub sich leisten und vielleicht sogar das Eigenheim.
Das
geht heute eben nicht mehr. Und selbst
in
Teilzeit, wenn ein Elternteil nur in Teilzeit arbeitet, wird es echt schwierig.
Und
ein Kind ist eine Luxusanschaffung geworden, wenn man das mal so sagen kann. Weil gute Bildung ist nicht mehr kostenlos unbedingt. Ein Freund von mir sagte mir vor kurzem erst, wer sein Kind liebt, schickt es auf Privatschulen.
Aber
ich meine, das kostet ja auch eine
Stange Geld.
In Deutschland kommt es ganz darauf an, wo die Kita ist. Also das ist vom Bundesland zu Bundesland ein bisschen anders. Wird es subventioniert? Genau. In Berlin zum Beispiel oder ich glaube in Hessen auch, da wird es subventioniert. Da hast du keine Kita-Kosten, aber in anderen Bundesländern oder auch,
ich
glaube es ist teilweise sogar von Kommune zu Kommune ein bisschen anders. Also es kommt ganz darauf an, wo man wohnt. Aber teilweise hat man nämlich auch seine Kita-Kosten von 400, 500, 600 Euro im Monat.
Je
nachdem. Also es hat wirklich damit zu tun, wo man wohnt.
Ich
weiß einfach in der Schweiz, weil Kitas ziemlich teure Plätze hier sind. Und ich weiß von
Freunden
auch, die schicken ihre Kinder auch in die Kita. Und ich habe schon auch gehört, zum Beispiel eine Kollegin, die hat gesagt,
sie
überlegt sich, den Job hinzuschmeissen und mit den Kindern zu Hause zu sein, weil sie geht eigentlich arbeiten und das Geld, das sie verdient, gibt sie bei der Kita ab, damit ihre Kinder dort gehortet werden. Und sie hinterfragt das jetzt,
was
ich zu Recht auch sagen muss, weil es ist wirklich so, in dem Moment, wo du arbeiten gehst, um die Kinder in eine Kita zu schicken, ich meine, wo ist der Sinn der
Sache dann noch? Ja, klar.
Das verstehe ich auch. Das
habe
ich in Deutschland auch öfter mal gehört, dass da Eltern drüber nachgedacht haben. Also ein Elternteil,
meistens
die Frau, die vielleicht in Teilzeit ist, arbeitet letztlich für die Kita.
Ja,
weil,
nicht
unbedingt, weil man die Kinder outsourcen möchte, aber weil man den Kindern eben auch dieses,
eine
Kita ist ja ganz gut, um Sozialverhalten zu fördern auch. Dass ein Kind eben lernt, in einer Gruppe zurecht zu kommen.
Und
das ist in jungen Jahren schon gar nicht mal so schlecht, das noch vor der Schule zu lernen, dass man
eben… Findest
du,
dass
das Sozialverhalten vor der Schule
dem
Kind schon
quasi
beigebracht werden muss? Oder ist nicht dann die Schule eigentlich ein gutes Konstrukt, wo das Kind lernt, mit dem sozialen Umfeld oder mit seinen Mitschülern umzugehen?
Also
es muss
gar nichts. Es muss gar nichts. Ich finde nur grundsätzlich in der frühkindlichen Bildung,
es
ist schon ganz sinnvoll. Also die Kinder, je kleiner sie sind, desto…
Die
sind ja wie Schwämme. Die nehmen ja alles auf. Die lernen, sind neugierig, lassen sich inspirieren. Und wenn da viele Kinder sind, wenn da eine Umgebung ist, die viel bietet, dann erweitert das den Radius, den Horizont. Und das ist schon nicht schlecht.
Ganz
abgesehen davon weiß ich nicht mehr,
wie
gut Schule heute es leisten kann
oder
es noch leisten kann,
ein
Kind, was noch gar keine Gruppenerfahrung hat, sozusagen
in
einen Klassenverband, Klassenverbund einzuführen.
Ich
habe das Gefühl…
Oh,
jetzt sind wir schon richtig mittendrin.
Ja, noch
nicht ganz, aber ja,
schon nach dem Weg.
Ich habe das…
Also ich
möchte da schon noch so etwas anderes kommen, aber ich lasse es mal noch so laufen, weil ich finde es spannend.
Ich habe das… Ja, ich habe das Gefühl, da ist allenthalben eine… Allenthalben…
Gott,
eine Überforderung da.
Ja, aber okay,
also meine Gedanken dazu sind, ich denke in der Schule, ich meine eine Sache ist, wenn ein Kind in die Schule geht und da ist dieser Auftrag oder wo man, wie man
die
Kinder
belehren,
erziehen, was auch immer da genau gemacht wird. Aber ich denke, für mich ein wichtiges
Puzzleteil
da ist auch das Informelle, das heisst, was das Kind lernt ausserhalb von der Aufsicht der Lehre, auf dem Pausenplatz zum Beispiel, bevor sie in die Schule, auf dem Schulweg zum Beispiel oder da dann auch wieder nach Hause gehen
und
auch da diese Eigendynamiken oder unter Kinder, Das, meine ich, ist auch ein wichtiger Teil von Sozialisierung. Dieser Teil, wo die Kinder
da
anfangen müssen, auch selbst klar zu kommen, selbst
mit
anderen Kindern in Kontakt zu kommen, sich auszutauschen und
das
andere ist natürlich, wenn unter Aufsicht dann, oder? Aber da wird dann die… Das ist dann schon fast systematisch, wo auf die Kinder eingegangen wird.
Und
da stimme ich dir vollkommen zu, ja. Also dieses
Gesamtgefüge Schule. Und ich denke, gerade in der Grundschule ist dieser soziale Aspekt, das Spielen mit den anderen Kindern, seinen Platz in der Gruppe finden, eigentlich viel wichtiger als die Inhalte, die vermittelt werden. Die sind auch wichtig, aber ganz wichtig ist dieser soziale Aspekt tatsächlich. Deswegen ist Corona ja auch
jetzt
im Nachgang auch, das ist jetzt sechs Jahre her, so ein schwieriger Einschnitt gewesen. Gerade für die Kinder, die jetzt sechs, sieben, acht, neun Jahre alt waren im Grundschulalter
und
die dann Wochen, Monate lang nicht zur Schule gehen konnten. Da ist, denke ich, ganz viel im Sozialverhalten passiert, was
nachhallen
wird, sagen wir es mal so.
Weil
man muss sich mal die Schulen anschauen.
Wenn
man heute an eine Grundschule geht, die Kinder sind ab sechs, sieben Jahre alt
und
man schaut sich das an, dann weiß man ungefähr, wie die Gesellschaft in zehn bis 15 Jahren aussehen wird. Wirklich? Das ist ja, das ist ja quasi die nächste Generation,
die
da heranwächst. Wir sind in
maximal
13, 14 Jahren sind die fertig mit der Schule
und
werden dann in die Gesellschaft entlassen. Das heißt, also schau dir
diesen
Querschnitt dort an
und
dann weißt du ungefähr, was in zehn Jahren, 15 Jahren sein wird,
gesellschaftlich. Ja, ich
meine, ich möchte das Thema Corona eigentlich gar nicht auf den Tisch bringen,
aber du hast
jetzt angesprochen. Ich, nur eine kurze Bemerkung dazu. Ich meine, du hast gesagt, ja, das ist sechs Jahre her oder es klingt so ein bisschen in der Vergangenheit. Aber ich denke, dass Corona, es gibt für mich
die
Corona-Phase und dann gibt es auch die
Post
-Corona-Phase. Und da würde ich jetzt mich aus dem Fenster wagen und sagen, da stecken wir jetzt drin. Und das halt noch so nach, dass die Auswirkungen jetzt immer noch spürbar sind. Ja, ich sehe das ganz
ähnlich. Also wir sind mittendrin. Wir merken jetzt quasi die Nachwehen oder die Folgen
dieser
Maßnahmen damals.
Und
ich denke, das wird auch noch einige Jahre dauern. Die sind jetzt,
wenn
die im Grundschulalter waren, dann sind die jetzt im Teenager-Alter. Kommen jetzt so gerade so mit 12, 13 da so an.
Was
ja eh nochmal eine ganz spezielle Phase ist. Da ist ja nochmal
die
zweite narzisstische Phase quasi im
Heranwachsen.
Die
zweite narzisstische Phase im Heranwachsen. Okay.
Ich
wollte jetzt eigentlich, das musst du mir jetzt erklären. Naja, also
gut, das Thema Narzissmus oder narzisstische Persönlichkeitsstörung ist ja auch sehr präsent. Und wir leben in narzisstischen Zeiten.
Das
stimmt schon. Aber erstmal hat ja jeder narzisstische Anteile. Nicht jeder hat gleich eine Persönlichkeitsstörung, aber die narzisstischen Anteile sind sehr wichtig.
Und
gerade in der Entwicklung eines Menschen
ist
es sehr wichtig. Und man sagt, es gibt ja zwei Phasen. Einmal in der Kindheit, so zwischen dem dritten und
fünften
Lebensjahr ungefähr. Da sind ja die Kinder in der Trotzphase. Die Eltern, die kennen das.
Und
dann kommt das eben nochmal in der Teenager-Zeit. Und das ist ganz, ganz wichtig, diese narzisstische Phase sozusagen, um sich eben sein Selbst
zu
bilden außerhalb
der
Familie, der Mutter, des Vaters.
Oder
eben
als
Teenager eben,
die
sollen ja alle weggehen. Da bildet man seine eigenen Werte heraus.
Und
dass man dann später vielleicht wieder zurückkehrt zu den alten Werten.
Das
ist nochmal ein anderes Thema, aber
ja.
Spannend. Du sprichst hier, wenn ich dich richtig verstehe, weil ich hatte kürzlich jemanden hier, wo wir über Narzissmus einen Podcast gemacht haben. Ja. Und natürlich ist für mich Narzissmus negativ konnotiert. Und was du jetzt aber sagst, du sprichst von dem gesunden Maß an Narzissmus. Dass das eigentlich, aha, okay, dass das eigentlich etwas Gutes ist, solange es natürlich in dem Maß bleibt.
Und
du hast schon recht, oder? Oder ich glaube auch, jeder Mensch hat irgendeine Spur Narzissmus in sich. Es gehört auch einfach irgendwie zu uns.
Ja. Schwierig wird es, und ich glaube, das hat der Andreas auch erklärt, wenn es in die Manipulation oder in die Abwertung geht. Genau. Wenn du anfängst, dein Gegenüber abzuwerten, um dich zu erhöhen, dann geht es so in Richtung Persönlichkeitsstörung. Und das ist wirklich kein Spaziergang
für
die Umwelt.
Wenn
es
destruktiv
wird. Und für
den Betroffenen meistens eben auch nicht. Das ist
nicht
schön. Aber dieses gesunde Maß an Narzissmus,
das
ist wirklich gut. Also das braucht man auch,
um
sich nicht kleinkriegen zu lassen.
Das
hat auch mit einem gesunden Selbstbewusstsein zu tun.
Also
dass man sich seiner bewusst ist, dass man seine Stärken und Schwächen einigermaßen kennt.
Und
dass man sich,
ja,
die Welt ist nicht nett. Und man muss sich
da
durchaus auch mal behaupten. Und dafür braucht man schon so ein bisschen
einen
gesunden Narzissmus,
wenn man
das so nennen
möchte. Ja, sehe ich, bin ich voll bei dir.
Die
Welt ist nicht nett, ja, aber
wir
können sie nett machen.
Ja, es
liegt an jedem Einzelnen.
Es
liegt an uns, wie die Welt ist.
Deswegen bin ich auch ein großer Freund von guten Manieren.
Dann
braucht man auch die woke Ideologie gar nicht so sehr.
Ja,
wenn man sich gut benehmen kann, wenn man höflich ist,
wenn
man Rücksicht nimmt,
dann
ist da eigentlich alles schon abgedeckt. Und ich bin auch sehr für die Vermittlung dieser
alten
Werte, klingt so antiquiert,
aber
ich bin schon sehr
für
die Vermittlung dieser Werte. Dass man
Danke
sagt, dass man Bitte sagt, dass man,
ja, jetzt
mit dieser Gender-Debatte ist ja auch immer so die Frage, wie sprichst du jemanden an?
Wenn
mir jemand sagt, er möchte gern so oder so angesprochen werden, dann respektiere ich das und spreche ich ihn so oder so an.
Also
es sind ja alles Sachen, die sind dann abgedeckt. Abgedeckt. Und gerade im Kita-Bereich,
da
kann man sehr viel mit Bitte und Danke und Guten Morgen und wie geht es dir und tschüss bis morgen, da kann man sehr viel
erreichen
schon. Umgang, Höflichkeiten. Höflichkeiten,
ja.
Auf
der anderen Seite natürlich auch,
bin
ich kein Freund zum Beispiel von erzwungenen Entschuldigungen. Wie
machst du das?
Nehmen wir mal an, zwei Kinder
streiten
sich, raufen miteinander oder der eine
beleidigt
den anderen
und
der andere kommt dann weinend an und dann spricht man drüber.
Also
ich biete dem Kind dann immer an, möchtest du dich entschuldigen?
Und
wenn das Kind sagt Nein, dann sage ich ihm,
ja, das
ist sehr schade. Aber
ich
finde eben diese,
ich
sage jetzt mal falsche Entschuldigung auch kein richtiges Signal. Ich habe auch in einer Einrichtung gearbeitet, da hat eben, haben die Kollegen auf dieser Entschuldigung bestanden und da wussten die Kinder dann auch, ach, wenn ich mich jetzt entschuldige, dann kann ich weitermachen, kann ich weiterspielen. Und dann war das immer so dieses, ja, Entschuldigung und dann sind wir wieder losgelaufen.
Ja,
dann stumpft sich dieses Entschuldigung ja auch ab und entwertet sich, weil es weiß genau, ich kann das machen
und
dann schicke ich noch eine Entschuldigung hinterher und dann kann ich es wieder machen, oder? Genau,
genau, das entwertet die Entschuldigung und deswegen,
gut,
es kommt auch ein bisschen auf das Alter an, aber ich finde bei einem 4-, 5-, 6-jährigen Kind, was bald eingeschult wird, da kann man dann schon
sehen, tut
es ihm wirklich leid? Und dann kann man
dem
Kind das anbieten, möchtest du dich entschuldigen?
Also,
unser Thema heute ist ja eigentlich, also eigentlich, es ist es,
die
strukturellen Probleme in der Betreuung, im Betreuungssystem.
Jetzt
habe ich aber vorher wieder was rausgehört und irgendwie komme ich gar nicht dazu, in das Thema wirklich reinzugehen, weil du hast vorher von Walker-Ideologie gesprochen und er hat bei mir gleich so was aufgeläutet und gedacht, Moment, was meint ihr damit? Ich möchte trotzdem noch kurz nachfragen, was meinst du, wenn du sagst, Walker-Ideologie?
Oh
mein Gott, mit der Frage hatte ich jetzt gar
nicht gerechnet.
Also, du musst die nicht beantworten, ich habe es nur aufgeschaut, weil du es erwähnt hast. Ist das überhaupt ein Thema,
ist
das überhaupt ein Thema oder ist das mehr etwas, das einfach so…
Es
ist gesellschaftlich ein
Thema
oder jetzt schon fast nicht mehr. Ich glaube, das klingt jetzt so seit einem Jahr oder so, klingt das so ein bisschen ab.
Es
war eben eine Modeerscheinung,
die
aus einem
guten
Motiv heraus entstanden ist,
die
dann aber
ein
Eigenleben entwickelt hat und
irgendwann
eben nicht mehr gesund war,
weil
es dann eben auch sehr viel mit Ausschluss gearbeitet hat. Gewisse Strömungen waren auch zutiefst rassistisch, fand ich. Martin Luther King hatte ja in seiner Rede damals gesagt,
es
wäre schön, wenn die Farbe eben keine Rolle mehr spielen würde. Und
gewisse
Strömungen in dieser Woke-Bewegung haben eben genau wieder auf die Hautfarbe den Fokus gelegt
und
dann von Privilegien und von Schuld und von strukturellem Rassismus und so weiter gesprochen.
Oder
die Diskussion um den weißen alten Mann,
der
qua Geburt schuldig ist. Schwierig. Ein ganz schwieriges Thema, aber ich
glaube, in
der Kita oder in der Jugendhilfe ist das nicht so ein großes Thema tatsächlich.
Okay,
dann können wir es da auch dabei belassen.
Ich
möchte da
auch
nicht weiter rumgraben oder so.
Wie
gesagt, dein Wohlbefinden steht an oberster Stelle.
Okay,
jetzt ist es so, du hast ja in Berlin an einer, also ich muss mal so sagen, kurz zu deiner Geschichte, du warst ja Schauspieler oder bist sogar heute noch teilweise, nimmst du auch Schauspielaufträge noch an.
Aber
du hast die Schauspielschule gemacht, du bist wirklich ausgebildeter Schauspieler
und
dann hast du dich aber entschieden, ins Betreuungswesen umzuschulen und umzusteigen.
Und
zuerst mal, warum? Was ist da passiert, dass du diese Entscheidung gefasst hast? Ich meine, Schauspieler dann in die Betreuung rein, das passt für mich jetzt gerade im ersten Augenblick noch nicht ganz zusammen.
Ach,
ich finde, da sind schon viele Parallelen.
Ja, ein bisschen schon.
Also
ich hatte den Schauspielerberuf ungefähr 20 Jahre ausgeübt und es war nicht eine von heute auf morgen Entscheidung, sondern
ich
hatte
die
letzten Jahre gemerkt, irgendwie
bin
ich es nicht mehr oder irgendwie läuft es nicht so, wie ich dachte oder
ich
war einfach nicht glücklich.
Ich
war nicht zufrieden.
Es
lief nicht so schlecht. Ich habe viel in England gearbeitet, ich habe viel in Frankreich gearbeitet und ich war viel unterwegs und
habe
schöne Arbeiten auch gemacht. Aber ich kam nicht richtig vom Fleck. Also im Ausland war ich der Ausländer.
Ich
spreche auch Französisch mit deutschem Akzent und so weiter.
Und
in Deutschland war ich zu lange weg. Also ich habe es mir selbst auch schwer gemacht. So und irgendwann mit
Ende
30, mit 38, 39 hatte ich dann so eine Phase, wo ich dann dachte,
will
ich das jetzt nochmal zehn Jahre so weitermachen
oder
gibt es noch etwas anderes? Und wenn ja, was?
Ich
hatte eigentlich nie einen Plan B.
Und
ich habe mich dann zurückbesonnen und habe überlegt, wann war ich in meinem Leben am glücklichsten? Und ich war tatsächlich während meines Zivildienstes am glücklichsten.
Und
den habe ich absolviert in Hannover im Annastift
in
einer Rollstuhl-Wohngemeinschaft, also mit
Rollifahrern.
Da bist du zum ersten Mal mit Betreuung quasi in Kontakt
gekommen.
Genau.
Und das war ein echt schönes Jahr. Und ich hatte dann überlegt, mache ich eine Ausbildung zum Heilerziehungspfleger.
Das
wäre aber so nicht möglich gewesen damals, also weil ich einfach
mir
das nicht hätte leisten können.
Und
dann war das nächstliegende eben die Erzieherausbildung. Die wurde damals in Berlin berufsbegleitend angeboten. Das heißt zwei Tage Hochschule, drei Tage
Kita
oder Hort oder Jugendhilfe.
Ich
habe dann erst mal ein Praktikum gemacht, um zu gucken,
wie
ist das eigentlich im Kontakt mit Kindern, weil
ich
kannte kaum Kinder. Und das war sehr schön. Und dann habe ich mich darum gekümmert, dass ich da einen Schulplatz kriege, einen Ausbildungsplatz kriege.
Und
habe dann im Februar 2018,
das
war kurz vor meinem 40. Geburtstag, die Ausbildung angefangen.
In
Berlin? In Berlin. Das ging damals noch. Ich glaube, es geht heute noch.
In
manchen Bundesländern geht es nicht. Aber Berlin bietet das an, dieses berufsbegleitende Modell. Das heißt, ich hatte montags, dienstags Hochschule. Von 8 bis 16 Uhr
hatte
ich Unterricht. Und mittwochs bis freitags arbeitete ich in der Kita. Das war eine altersgemischte Kita für Kinder von 1 bis 6 Jahren. Für Berliner Verhältnisse mittelgroß, würde ich sagen. Das waren fünf Gruppen, 25 Kinder.
Und
in jeder Gruppe waren damals drei Pädagogen oder Pädagoginnen
und
ein Azubi. Das heißt also, der Betreuungsschlüssel war auch
zu
dem Zeitpunkt
gut. Das
heißt, 25 Kinder mit
drei
Erwachsenen, vier Erwachsenen, inklusive
dem
Azubi. Der arbeitet ja auch mit. Der wird zwar noch angelernt und angewiesen,
aber
der ist ja definitiv auch eine Aufsichtsperson und der macht ja auch schon seine pädagogischen
Angebote.
Okay,
ja sehr gut.
Ich
muss fast nicht leiten, weil du bringst es ganz schön, weil genau da wollte ich rein in die Kita. Und
wie
war das dazu mal in den Kitas, als du da drinnen warst? Hast du, ich meine, hast du dann wirklich das gefunden, wo du aufgeblüht bist?
Ja. Vielleicht
jetzt noch nicht so organisatorisch oder so, wie es abläuft, sondern einfach für dich persönlich. Also ich muss sagen,
die ersten zwei Jahre
oder
die ersten zweieinhalb Jahre sogar
waren
wie ein Champagnerfrühstück. Wirklich? Es war wunderbar. Du
hast
wirklich die Leidenschaft gefunden
in diesem
Beruf.
Ja,
es hatte aber auch damit zu tun, ich bin in eine Einrichtung gekommen, die mir gefallen hatte. Das war eine Kneipp-Kita. Das heißt, das war sehr gesundheitsorientiert. Es war ein riesiger Garten,
was
ich sehr wichtig finde für Kinder, dass die wirklich viel draußen spielen können.
Jede
Gruppe hatte so sein kleines
Beet,
wo man Kräuter anbauen konnte und
das
war sehr schön. Dann hatte ich das Glück, in einer Gruppe zu landen mit drei Kolleginnen, drei Erzieherinnen. Die eine war meine Anleiterin,
die
wirklich so sattelfest im Beruf waren
und
auch nach über 30 Jahren noch eine solche Leidenschaft für ihre Arbeit hatten. Das war so
ansteckend
und wir haben uns gut verstanden und das hat
eben
ganz, ganz viel in jedem Beruf eigentlich. Das ist die größte Qualität,
wenn
man da hinkommt und sich auf jemanden freuen kann.
Ich
habe mich jeden Tag auf meine Kolleginnen gefreut
und
das überträgt sich dann auch auf die Kinder. Also
entspannte
Eltern haben entspannte Kinder, entspannte Erzieher
haben
auch entspannte Kinder. Also es
war
anspruchsvoll, also es war jetzt nicht so, dass es Larifari war, sondern wir haben hart gearbeitet. Ja,
dann bist du
müde am Abend, kann ich mir gut vorstellen.
Aber
angenehm müde
und
man
freut
sich. Aber ich habe mich wirklich jeden Tag auf die Arbeit gefreut. Es war wirklich sehr schön.
Das
klingt super eigentlich, oder? Das
war wunderbar. Für mich hätte es ewig so weitergehen können.
Ist
es aber nicht.
Es
kam dann leider, ich will in das Thema eigentlich auch nicht rein, aber es kam dieser Corona-Bruch in meinem letzten Ausbildungsjahr. Okay.
Und
da gab es dann anscheinend einen Kommunikationsbruch zwischen dem
Träger
und der Kita-Leitung
und
zwischen der Kita-Leitung und den
Erziehern.
Und
da
wurde das Arbeiten dann schwierig.
Es
gab einige
Kündigungen.
Also
ein
Azubi und ich glaube drei Kolleginnen sind gegangen Mitte 2020. Und da merkte ich dann auch das erste Mal, was es bedeutet, wenn die Anzahl der Kinder mehr oder weniger gleich bleibt. Aber
der Betreuung und
runter geht.
Und runter
geht. Und wir haben uns da teilweise einen abgebrochen,
dass
wir da die Hygieneregelungen einhalten.
Und das
war sehr kompliziert.
Es
war sehr schwierig. Und das war ja auch noch, der erste Lockdown war ja März bis Mai 2020.
Da
wusste man ja teilweise noch gar nicht, was kommt. Und
das
dann einige Kollegen gekündigt hatten, weil sie dann auch vielleicht zu ihrer Familie wieder
aufs
Land wollten oder keine Ahnung.
Also
es war einfach eine schwierige Zeit. Und ich war da im letzten Ausbildungsjahr
und
ich wurde dann aus dieser Gruppe rausgeholt und musste zusammen mit einer Kollegin eine andere Gruppe übernehmen.
Und mit
zwei Kolleginnen, Entschuldigung, aber die eine Kollegin, die war mitten im Burnout, die war krankgeschrieben.
Die
war eigentlich
gar
nicht mehr da.
Die
kam mal für zwei, drei Tage rein oder für eine Woche rein und dann ist sie wieder für sechs Wochen krankgeschrieben gewesen.
Und
die dritte Kollegin, die war wie viele Erzieher jenseits der 50 in Teilzeit.
Das
heißt, wenn die den Spätdienst hatte, dann kam die um 11.30 Uhr.
Das
bedeutete, dass ich von 7.30 Uhr bis 11.30 Uhr
25
Kinder zwischen eins und sechs Jahren alleine hatte.
Wie
viele Kinder waren das? 25. Oder lass es, wenn vielleicht ein paar Kinder nicht da waren, lass es 23, 22 gewesen sein.
Und du hattest alleine die Aufsicht für so
viele
Kinder?
Ja. Und ich war noch
nicht… Ist
das gesetzlich geregelt, wie viele Kinder
pro
Kopf? Ja, ist es und das darf eigentlich nicht sein. Aber es ging halt nicht anders. Was ich aus heutiger Sicht noch sehr problematisch finde, ist, ich war noch gar kein fertiger Erzieher. Ich war im letzten Ausbildungsjahr.
Man
hatte mich gefragt, traust du dir das zu?
Ich
sagte, ja. Aber
es
war phasenweise eben
schwierig.
Ich habe dann morgens zugesehen, dass ich so schnell wie möglich in den Garten komme, weil im Garten waren dann auch die anderen Gruppen und dann konnten die Kolleginnen oder Kollegen anderer Gruppen auch auf meine Kinder mitschauen. Aber wenn es zum Beispiel ganz doll regnete und ich mit den Kindern drin war, dann
war
es schwierig, ja.
Die
Gruppen waren recht groß. Das waren zwei große Gruppenräume, ein großes Badezimmer und eine Garderobe, die aber auch… Also es war sehr geräumig.
So,
und wenn alle Kinder da waren, dann musste ich mich so zwischen den beiden Gruppenräumen war eine Verbindungstür. Dann musste ich mich da so in die Verbindungstür setzen, damit ich beide Gruppen
oder
beide Räume im Blick hatte und alle Kinder im Blick hatte. Pädagogisch arbeiten ging da nicht, also dass ich da jetzt noch ein Bastelangebot mache oder ein Spielangebot. Dann bist du im reaktiven Modus,
oder? Du beobachtest und reagierst
nur noch. Du guckst nur, dass du die Kinder wohlbehalten nachmittags zurückgeben kannst, dass da keiner verunfallt.
Und
dann kam eine Phase, wo ich abends tatsächlich dachte, egal was morgen ist, ich mache mich strafbar.
Nehmen
wir mal an, so ein kleiner Windelträger, ein Jahr alt, muss die Windel gewechselt kriegen.
Lasse
ich dann die anderen 23 unbeaufsichtigt, während ich die Windel wechsle?
Oder
warte ich, bis vielleicht eine Kollegin kommt und die Kinder beaufsichtigt?
Aber die
Windel nicht wechseln ist Körperverletzung. Also das Kind kann wund werden und so weiter.
Und
die Kinder nicht zu beaufsichtigen
ist
Aufsichtspflichtverletzung. Wenn in dem Moment vielleicht ein Kind aufs Fensterbrett springt
oder
vom Tisch runterfällt oder was auch immer.
So,
was habe ich gemacht? Ich habe dann 23 Kinder mit ins Badezimmer genommen. Ich habe gesagt, ihr setzt euch jetzt im Kreis hin, wir singen jetzt ein Lied.
Und
in der Zeit wechsle ich, klein Emil,
ist
jetzt ein fiktiver Name, die Windel.
Was
natürlich auch nicht schön ist, weil auch ein kleiner Einjähriger hat ein Recht auf Intimsphäre. Es ist nicht schön, 20 plus Kinder da sitzen zu haben, während man die Windel gewechselt kriegt.
Und
das war
eine
unschöne Zeit einfach, wo ich dann auch so dachte,
ich selber
konnte ja auch nicht zur Toilette gehen. Also
ich
kann
die
Gruppe nicht verlassen. Und das heißt, ich habe wirklich zugesehen, wir haben gefrühstückt,
wir
haben die Jacken angezogen und dann sind wir so früh wie möglich, wenn es ging, runtergegangen. Oder ich stand so an der Tür, wir hatten so Glastüren und auf der anderen Seite des Treppenhauses war dann auch eine Glastür zur nächsten Gruppe.
Da
konnte ich dann so winken und hoffen, dass mich eine Kollegin sieht,
die
dann vielleicht rüberkommt. Weil die waren dann teilweise eben zu zweit oder zu dritt. Und dann kam auch mal jemand für eine halbe Stunde rüber.
Dass
du quasi zur
Toilette gehen kannst.
Ja, oder dass ich eben für Notfälle eben
jemand
Zweites da hatte.
Das,
was du jetzt schilderst, ist das etwas so
wirklich
auf Corona zurückzuschließen ist?
Oder sind
das Probleme, die schon vor Corona stattgefunden haben? Also
in
dem Haus, wo ich war, anscheinend nicht. Weil als ich da ankam, war das eben wunderbar.
Aber
grundsätzlich hatten wir auch damals schon, wie auch heute, einen Fachkräftemangel im Erziehungsbereich.
Denkst du das
generell so in Deutschland, in den Kitas
heute? Ich
hatte
in
der Hochschule, hatte ich eine Kommilitonin.
Wir
hatten gerade angefangen mit dem Studium und waren gerade zwei Wochen dabei.
Da
ist die morgens in die Kita gekommen und da sagte ihre Chefin zu ihr, deine Anleiterin ist krank.
Da
ist deine Gruppe. Wenn was ist, ich bin im Büro.
Und
dann stand eben diese, die war glaube ich erst Anfang 20, stand da diese 21-Jährige vor einer Gruppe mit 20 Kindern.
Und dann, ja, nicht
schön.
Ja,
das ist eben das. Aber was wäre, wenn da zum Beispiel eine Kontrolle statt, ich weiß nicht, gibt es sowas wie zum Beispiel...
Es gibt
eine Kita-Aufsicht. Ah, da gibt es
sowas,
die vom Staat her,
also
eine Aufsicht, das heißt, da kommen
von
einer Verwaltung oder so Leute und die machen eine Kontrolle, ob da alle Richtlinien eingehalten werden oder wie läuft das?
Also, es gibt
ja
auch Feuerwehrkräfte sozusagen. Die werden also, wenn es längere Krankschreibungen gibt oder so, werden die an die Kitas geholt. Aber dazu müssen die auch wirklich schon mehr als sechs Wochen
oder
mehr als acht Wochen... Also, sie müssen
schon
eine ganze Weile krankgeschrieben sein, bevor eine Kita so eine Feuerwehrkraft holen kann. Schnell zum Verständnis.
Feuerwehrkraft, das hat nichts mit Feuerwehr zu tun.
Nein. Das
ist jemand, der einspringt im Notfall. Genau. Okay.
Entschuldigung, ja.
Und damals... Ja,
wir sagen, es gibt ja dieses Wort Feuerwehrübungen oder... Nein,
das ist
tatsächlich so eine Art Notdienst. Es gibt ja eben Firmen, die bieten eben so freie Erzieher eben als Springer an.
Ja.
Die kommen dann eben in Kitas oder auch in Schulen, in die Hortbetreuung, wenn es eben Personalmangel gibt.
Aber
ich glaube, da müssen Auflagen erfüllt werden. Die werden ja auch extern bezahlt. Da fragt mich bitte nicht, wie das läuft. Bei uns wurde das damals nicht gemacht oder konnte nicht gemacht werden. Weil zum Beispiel die eine Kollegin, die eben im Burnout war, die kam ja
immer
kurz bevor es möglich gewesen wäre, kam die ja wieder.
Dann
war die für eine Woche da oder vielleicht auch für zweimal,
bevor
sie dann wieder krank war. Also die war echt am Limit. Das war nicht ihre Schuld, aber das war halt
vom
Träger her dann eben nicht möglich.
Aber
gibt es da viele Burnouts?
Ich
würde
sagen, ja.
Es
gibt viele Stresserkrankungen.
Und
die sind zurückzuführen auf
zu
wenig Personal für zu viele Kinder und die,
die
da sind, die verbrennt es einfach, weil die nicht mehr der Lage her sind.
Ja, ist
so.
Es
gibt ja auch nochmal so etwas wie den,
das
habe ich erst später gelernt, es gibt ja sowas wie einen stillen Burnout.
Da
gibt es so fünf Anzeichen für. Also dass
der
Schlaf unruhig wird. Dass man also nachts wach wird und überlegt, Gott, was habe ich noch für eine To-Do-Liste. Dass man sich Sorgen macht.
Dass
man sich sozial zurückzieht. Dass man also kaum noch was mit Freunden macht.
Dass
man
lieber
alleine ist. Dass man zynischer wird. Dass man eben im Sarkasmus oder im Zynismus eben so ein Ventil sich sucht.
Dass
man, was war das vierte?
Dass
man sehr ungeduldig wird. Dass einem also die Schlange im Supermarkt schon
so
stresst, dass man
eigentlich
schon gar nicht mehr klarkommt. Und das andere war, dass man somatische Beschwerden entwickelt. Also Nackenschmerzen, Rückenschmerzen, Kopfschmerzen, Blasenprobleme oder Durchfall irgendwie. Also somatische Beschwerden, körperliche Geschichten.
Und
mit diesen Symptomen kann man aber eine ganze Weile auch noch gut weiterarbeiten. Das ist ja in dem Sinne
keine
Krankheit.
Ein
richtiger Burnout ist ja ein kompletter Zusammenbruch.
Und
danach ist man dann, glaube ich, in der Regel auch,
das
dauert eine Weile, bis man dann wieder reinkommt. Und das,
der
Erzieherberuf ist
doch
recht anspruchsvoll. Also in Deutschland hat man erstmal einen Bildungsauftrag,
was
sehr gut und wichtig ist. Dass man eben
die
kleinen Mäuse schon,
dass
man die Neugier einfach anstupst. Und die lernen ja von ganz alleine beim Spielen und so weiter. Aber man muss eben Impulse auch geben.
Also
abgesehen mal vom Bildungsauftrag hat man eben eine große Verantwortung. Die Eltern verantworten einem das Wertvollste an, das sie haben, nämlich die Kinder. Und dass die nicht verunfallen
oder
sich nicht gegenseitig, keine Ahnung, Stöcker in die Ohren stecken.
Und
es ist, ja, körperlich eben auch. Also erstmal
hast
du ja auch noch kleine Einjährige, die das erste Mal
von
zu Hause weg sind, die gerade in der Eingewöhnung sind. Die weinen viel. Dann hast du ein weinendes Kind, was dir unter Umständen Stunden
in
die Ohren schreit.
Und
das klingelt ganz schön.
Dann
bist du ständig auf allen Vieren, weil du irgendwelche Handschuhe oder Schuhe oder Jacken suchst, die irgendwo verschollen sind.
Früher
gab es auch bei den Wickeltischen noch nicht die Treppen. Da mussten die Kolleginnen damals in den 90ern, glaube ich, noch
die
Kinder hochheben, wenn du zehn Kinder wickeln musst.
Oder
damals noch diese Laufstelle. Früher in der DDR gab es ja auch die Krippe. Da kamen die Kinder ja mit drei Monaten schon dahin.
Da
hast du dann die Kinder
aus
diesem Gitterbett heben müssen. Also
es
geht auf den Rücken, es geht auf die Knie, es geht auf die Ohren.
Es
ist ein anstrengender Beruf. Und die meisten Erzieher über 50, die ich kenne, die Erzieherinnen und Erzieher, sind eben in Teilzeit, weil sie schon die ein oder andere Stresserkrankung oder eben auch körperliche
Erkrankung
hinter sich haben.
Erschöpfung.
Erschöpfung. Ja. Ja, aber
es
ist auch
wie
in der Pflege ja auch oder wie im sozialen Bereich generell, es ist ja auch eine intrinsische Motivation. Man macht ja diesen Beruf
aus
dem Herz heraus. Also die meisten Erzieher, die ich kenne, die lieben ihren Beruf.
Und
naja, solange du diesen Beruf auch ausüben kannst in, sag ich mal,
Strukturen,
die es dir zulassen, auch die Liebe zu entwickeln, ist es ja gut. Aber wenn es dann natürlich so Situationen gibt, wie du beschreibst und dann,
ich
glaube, das ist dann der Moment, wo man auch die Liebe oder Leidenschaft zu etwas auch sehr schnell verlieren kann, oder?
Man
kann, ja.
Ja,
ich möchte noch was da kurz, dass du mir hilfst, das noch besser zu verstehen. Ich habe vorhin rausgehört, zum Beispiel Erziehungsauftrag,
du
hast einmal irgendwo noch erwähnt. Bildungsauftrag habe ich
gehört.
Bildungsauftrag, aber Erziehungs habe ich auch rausgehört. Und meines Erachtens,
wie
ich das sehe, eine Kita für mich ist eher etwas, das den Auftrag hat, die Kinder zu beaufsichtigen.
Aber
gehört da bereits Bildung rein und Erziehung, da bin ich noch nicht so, ich weiß noch nicht genau, wie ich das einstufen soll. Weil ist es wirklich
die
Sache der Mitarbeiter in den Kitas, die Kinder zu erziehen, oder bleibt das nach wie vor die Sache der Eltern?
Die
Kitas sehen sich in der Regel als erziehungsergänzende Einrichtungen. Erziehungsergänzend. Wir unterstützen die Eltern. Erwarten das die Eltern auch?
Es
gibt solche und solche. Es gibt Eltern, die denken, wir übernehmen die komplette Erziehung, die machen dann zu Hause gar nichts mehr.
Ja,
also
eine
Kollegin erzählte mir auch von einem Vater, der sagte, vielen Dank, dass Sie meinen Sohn erziehen.
So
im Sinne von, da muss ich das ja nicht machen. Wirklich. Und die hat dann gesagt, das ist ein Missverständnis.
Die
Kinder verbringen nach wie vor die meiste Zeit zu Hause. Die Wochenenden und auch die Abende oder die Nachmittage.
Es
werden ja nicht alle Kinder erst um 18 Uhr abgeholt, sondern oft eben auch schon um 15 Uhr. Das heißt,
sie
sind die meiste Zeit zu Hause.
Der
Löwenanteil der Erziehung
liegt
bei den Eltern und sollte auch da liegen.
Ja,
ich nehme es mir als Erzieher nicht heraus,
Eltern
zu sagen, wie sie ihr Kind zu erziehen haben. Aber dein Titel ist ja Erzieher.
Ja,
also
vielleicht hilft
es
am
besten, wenn ich, wenn ich versuche, den... Also der Job, meine ich,
heißt die
Erzieher, oder?
Ja,
ja.
Also am besten erklärt es sich vielleicht, wenn ich mal so einen Kita-Alltag beschreibe. Unbedingt. Ja,
genau.
Also die Kinder werden morgens gebracht,
haben
so ein bisschen Freispiel, bis dann alle da sind, die zum Frühstück da sein sollten. Je nach Kita wird um 7.30 Uhr oder um 8.30 Uhr gefrühstückt.
So,
und danach macht man einen Morgenkreis.
Das
heißt, im Morgenkreis begrüßt man sich. Das heißt, die anderen Kinder, die beim Frühstück noch nicht dabei waren, die kommen dann so nach und nach.
Das
ist ein bisschen Ritual. Genau, und da wird dann eben gesungen, vielleicht wird auch ein Spiel gespielt und diese Spiele eignen sich hervorragend, um Farben zu lernen, um Zahlen zu lernen,
um
Buchstaben zu lernen und um über Jahreszeiten vielleicht zu sprechen oder über Feste, die anstehen. Das heißt,
dass man über Weihnachten spricht.
Das heißt,
das
kann ein Spiel sein, das kann Bewegung sein, dass man halt ein bisschen
vielleicht
im Garten oder im Sportraum so ein bisschen
sich
bewegt.
Ein
bisschen motorische
Sachen. Oder
eben feinmotorisch. Das heißt, man malt, man zeichnet, man bastelt,
man
klebt, man dekoriert. Das sind alles so Sachen. Man kann auch, je nach Kita, es gibt Kitas, die haben, also die Kita, in der ich in Berlin war, die hatte zum Beispiel eine Kinderküche. Oder,
da
bereiten wir vielleicht mal einen kleinen Nachtisch vor oder einen Kuchen
oder
sowas, dass man
den
Kindern eben auch schon nahe bringt,
mit
einem Messbecher. Ungefähr bis dahin muss das Wasser oder die Milch oder was auch immer. Also man kann da ganz viel machen und danach ist erstmal wieder Freispiel, weil Kinder lernen am besten
im
Freispiel.
Wenn
sie miteinander spielen, da lernen sie auch Rücksichtnahme. Der eine zeigt dem anderen etwas, die Kleinen gucken sich von den Größeren was ab, die Größeren sind ganz stolz, wenn sie ein bisschen Verantwortung übernehmen.
Dann
gibt es irgendwann Mittagessen und
bei
diesen ritualisierten Geschichten, bei den Mahlzeiten und so weiter,
da
kann man wunderbar erziehen. Da kann man
wunderbar
Bitte und Danke lernen. Man kann mit Besteck
essen
lernen. Das sind ja auch so Sachen, so Fertigkeiten.
Wenn
man rausgeht zum Spielen, dass man dann lernt, Schuhe anzuziehen, sich Jacke anzuziehen, Reißverschluss.
Wenn
man ein bisschen größer ist, vielleicht auch schon mit der Schleife. Das sind so Sachen, da hilft man dann dabei. Nach dem Mittagessen ist in der Regel
Ruhepause, also
entweder Mittagsschlaf oder eben zumindest, dass man
sich
hinlegt und sich vielleicht ein Hörspiel anhört oder dass man
eine
Traumreise macht.
Und
dann ist in der Regel nachmittags nochmal eine Vespa, also das heißt so eine kleine Mahlzeit mit Salat oder
Rohkost,
Möhrchen oder Ruhkohlrabi.
Und
danach ist dann wieder Freispiel und dann werden die Kinder in der Regel auch schon abgeholt. Dann ist es auch schon so zwischen 15, 16, 17 Uhr.
Ja,
und
du
hast das Bildungsangebot, das ist das pädagogische Angebot.
Das
ist ja auch nicht unbedingt
Zwang
jeden Tag, aber
dann
hast du im Rahmen des pädagogischen Angebots oft eben auch
Projekte,
dass du vielleicht so ein Thema hast,
wo
kommt das Essen her oder
warum
feiern wir Weihnachten. Und dann hat man vielleicht über eine Woche oder zwei Wochen hinweg
ein
Thema, über das man
redet
oder für das man dann was macht.
Also
dann verstehe ich dich schon richtig, weil früher war Erziehung Elternsache.
Ist
es heute ja immer noch.
Ja.
Aber
ein
kleiner Teil der Erziehung,
ich
nenne jetzt das Wort Outsourcing, kommt mir nichts Dümmeres in den Sinn. Aber ein kleiner Teil wird dann auch schon ein bisschen in dieser Kita outgesourst, oder?
Weil
ich meine, dein Job heißt Erzieher und nicht Auszubildender, oder wie man sagt heute. Und ich denke mal, schon mit dieser Konstellation natürlich kann ich mir vorstellen, dass Eltern dann auch alleine schon durch diese Terminologien, die da kommen, dass die natürlich dann auch gleich automatisch die Erwartung haben, oh okay, mein Kind geht da hin, ist den ganzen Tag da.
Und
da wird es auch ein bisschen erzogen, oder?
Zum,
ja, Sachen vielleicht, die die Eltern sagen, da muss ich das nicht machen zu Hause.
Es gibt,
glaube ich, ganz viele Sachen, wo man das Kind erziehen kann dabei, oder? Oder einerseits, wie es mit anderen Mitmenschen umgeht, wie es mit den Kindern
spielt,
oder wie, und Höflichkeit, und wie es sich zu verhalten hat, und so, oder?
Es
ist wahrscheinlich ziemlich ein großes Spektrum an Erziehung.
Es ist ein großes Spektrum, und es kommt sicherlich auch ganz darauf an, wo man arbeitet.
Also
ich war in Berlin nicht in einer Brennpunkt-Kita. Was heißt das? Eine Brennpunkt-Kita ist so ein sozialer Brennpunkt. Das verstehe ich jetzt
nicht.
Also wo bildungsferne Familien wohnen, wo es einfach rauer
zugeht, so Gegenden. Also du redest das in, wenn du sagst, bildungsfremde Familien? Bildungsfern,
sagt man ja heute.
Was heißt das?
Also
böse gesagt, es gibt
in
Berlin zum Beispiel Bezirke, wo ein hoher Arbeitslosenanteil ist, wo die Eltern
nicht
viel Geld haben,
vielleicht zweite
oder dritte Generationen Hartz-IV- oder Bürgergeldempfänger sind. Und die bringen ihre Kinder
in die Kita. Die bringen dann ihre
Kinder in die Kita, weil in Deutschland gibt es einen Rechtsanspruch auch auf einen Betreuungsplatz. Also die Eltern können sich einen Kita-Platz theoretisch einklagen,
wobei
ich das auch nicht gut zu Ende gedacht finde, weil wenn es keine Kitas gibt oder keine Erzieher gibt, wo willst du es
einklagen?
Aber gut. Und
da
merkt man dann einen Unterschied an den Kitas, woher die Kinder kommen? Aus welchen gesellschaftlichen Schichten sie kommen? Ja, durchaus. Also das Klientel,
ich finde schon,
es
hat sehr
viel
mit den Eltern zu tun. Wie merkt man das?
Also
ich habe ein Praktikum gemacht von der Erzieherschule aus, damals in einer Brennpunkt-Kita, da mussten wir ein
Herbstfest
organisieren, genau.
Dann
kamen wir da rein und
erst
einmal war es ein sprachliches Problem. Es war eben eine Gegend,
ich
glaube es waren 80 Prozent Nicht-Deutsch-Muttersprachler.
Da
hast du erst einmal eine Sprachbarriere.
Dann
hatte diese Kita einen sehr kleinen Garten
und
da hatte ich eben
teilweise
vier, fünfjährige Kinder.
Die
konnten sagen, ja das ist ein Vogel. Aber die konnten noch nicht unterscheiden, ob es jetzt ein Huhn oder ein Rabe ist. Also ein Jahr vor der Einschulung, wo man sich so denkt,
das
kann man nicht unbedingt der Kita anlasten.
Also
das ist dann von zu Hause, wenn die Eltern den Kindern nicht zeigen oder nicht sagen, guck mal, das ist ein Eichhörnchen,
dann
weiß das Kind auch nicht, dass das ein Eichhörnchen ist.
So
und da war ich so ein bisschen erschrocken, weil ich das aus meiner Kita, wo ich eigentlich war, gar nicht kannte. Weil da hatten wir schon so gut ausgewogen.
Die
Eltern waren fast alle berufstätig auch und waren, sage ich jetzt mal,
gut
oder zumindest normal gebildet. Ganz am Anfang hattest du mich gefragt nach der Zeit, die Zeit, die man auf Karriere und so weiter verwendet. Und
ich
wollte da noch einbringen,
es
ist nicht nur die Quantität der Zeit, es ist vor allen Dingen die Qualität der Zeit.
Also
in der Nähe dieser Brennpunkt-Kita
habe
ich dann einen Kinderwagen gesehen, da saß vorne ein Kind drin und da war eine Halterung
für
ein Handy für das Kind. Das Kind war vielleicht zwei, drei Jahre alt, hatte eben auf dem Bildschirm sein Entertainment und die Mutter schob das Ding mit ihrem Handy in der Hand.
Wo
ist da die Verbindung noch? Ja, also das
schüttelt
einen dann innerlich so und du denkst dann, oh Himmels Willen, der arme Kleine.
Aber
was willst du in der Situation auch sagen? Und das
ist
eher so das Problem. Also ich glaube, wenn die Zeit,
Kinder
müssen ja gesehen werden und wir hatten in der Kita, in der ich gearbeitet hatte,
die
Regelung, die Eltern sollen in der Abholphase und in der Bringphase das Handy in der Tasche lassen. Weil wenn sie abgeholt werden und draußen im Garten spielen und die Tochter dem Vater zeigen will, guck mal, was ich kann, dann springt sie da aufs Klettergerüst drauf und macht da etwas.
Dann
ist es essentiell,
dass
der Vater das auch sieht, anstatt
drauf
zu gucken. Also wie oft sieht man es auf Spielplätzen,
die
Kinder stehen da oder machen etwas und sagen Mama, Mama, guck mal, guck mal und Mama guckt aber nicht.
Und
ich finde dieses,
ja,
die Zeit, die man zusammen hat, die muss viel mehr, sollte viel mehr miteinander im Dialog sein.
Und
dieses Bild mit dieser Handyvorrichtung
für
das Kind auf einer Karre, das ist schon sechs Jahre her, sieben Jahre her,
ganz,
ganz gruselig. Das wäre schön zu sehen, wo dieses Kind jetzt ist,
nach
sechs Jahren. Wäre das schön? Ich weiß nicht, einfach interessant wäre
interessant
zu sehen. Nein, Entschuldigung, ich bin da manchmal so ein
bisschen sarkastisch.
Ja,
nein, du hast schon
recht, das ist nicht wirklich das richtige Wort, aber es wäre interessant zu sehen, wo dieses Kind jetzt ist, wenn es, wenn es,
gut,
ich meine,
das
ist ja ein Phänomen, das kennen wir ja alle, es ist ja nichts Neues, was du jetzt sagst mit dem Handy. Das kennt man, das weiß man
und
es werden ja zum Teil Kinder auch, ich habe das Gefühl, dass Eltern dem Kind ein iPad oder so geben,
um
es ruhig zu stellen. Oder es ist wie eine Pille, anstatt eine Beruhigungstablette gibt man einfach, iPad ist das Band zu Beruhigungstabletten. Und
dann wundert
man sich später, dass das Kind eine Aufmerksamkeitsspanne von einem Regenwurm hat.
Verursacht durch die digitale...
Ich weiß
gar nicht,
ich
glaube, das ist nicht wirklich erwiesen, aber es ist schon
sehr
auffällig. Also das,
ja,
die
sind
alles auch so Begriffe, wo ich nicht genau weiß,
diese
Diagnosen, ADHS-Diagnose. Jedes zweite Kind hat angeblich eine ADHS-Störung oder eine ADHS diagnostiziert und da weiß ich immer nicht so, ist das alles
schon... Wir
pathologisieren so viel, also
jede
melancholische Phase ist eine Depression, jede unangenehme Situation ist gleich ein Trauma.
Nein,
muss es nicht sein und ich glaube auch nicht, dass jede ADHS-Diagnose
wirklich
gestellt werden müsste. Aber man sieht auf jeden Fall die Veränderung
und
teilweise eben schon von Jahr zu Jahr. Also nicht so in Fünfjahresschritten, sondern wirklich so, die Kinder dieses Jahr sind
nicht
so konzentrationsfähig, wie die,
die
ein Jahr älter sind.
Also
es ist schon
frappant, was
man da
sieht. Ja, das
ADHS, das ist in der Tat so, das ist
ziemlich
irgendwie ein bisschen fast schon so salonfähig geworden, wenn ein Kind sich nicht verhält,
wie
man sich das wünscht.
Wie
soll ich sagen, ich finde da nicht die richtigen Worte zu, aber dann ist es einfach so, ja okay, das ist ADHS.
Weil
dann kann man es wie so rechtfertigen, dass das Kind so ist, wie es ist. Und das ist auch so, ich empfinde das auch als sehr einfach, weil dann muss man die Ursache nicht suchen gehen, warum das Kind so ist, wie es ist, sondern man kann dann einfach die Ursachen wegschmeißen. Ich sage das jetzt ein bisschen salopp
und
vielleicht klingt das für den einen oder anderen hart. Aber
ja,
dann ist einfach so die Ursache mal weg und ja, es hat ADHS, ah okay, dann ist ja alles klar. Dann geben wir ihm, keine Ahnung, was man da macht,
da kommen dann glaube ich
wirklich Medikamente zum Zug, oder?
Es ist eine Win-Win-Win-Situation im Prinzip. Das Kind bekommt dann im Zweifelsfall Ritalin
und
läuft dann vielleicht ein bisschen besser,
wie
gewünscht. Die Eltern haben eine Entschuldigung, wie du schon sagst, der Arzt kann was verschreiben
und
das Kind kann sich mit dieser Diagnose vielleicht auch noch besonders fühlen. Genau,
es ist ein bisschen
das schlechte Gewissen einfach dann beruhigen, oder? Aber die Ursache hat man ja trotzdem nicht gefunden, warum ein Kind, also ich sage schon, es ist schon doof von mir,
ich
sage, warum ein Kind ADHS hat. Aber das ist eigentlich schon, das ist schon doof, dass ich das so ausspreche, weil es ist so,
ich
glaube nicht, dass diese Kinder alle ADHS haben, sofern es dieses ADHS überhaupt, ich weiß nicht mal genau, was das, also ich meine, man weiß, was es ist generell, aber irgendwie kann man es, es ist ja nicht wie ein Hautausschlag, den du siehst, oder? Sondern es ist etwas,
das
kann man einfach als Diagnose stellen
und
dann ist es wie so, ah okay,
das
AD, dann ist es wie krank, oder?
Ja, also es gehören schon einige Faktoren dazu, es wird schon untersucht, wird schon geschaut,
aber
ich glaube, insgesamt ist es auch gar nicht
so
gut erforscht,
also
weil ich eben sagte, mit diesem Handy, das könnte eine Ursache sein, wenn ein Kind von klein auf diese
Miniclips
sieht, von zwei Minuten Länge und so weiter, das ist, das ist was macht.
Aber
soweit ich weiß, ist das nicht wissenschaftlich bewiesen. Das ist einfach etwas, was man
sieht
oder beobachtet oder wo auch
die
Kollegin sagt, die ältere Kollegin, die erfahrenere Kollegin sagt,
schau
dir das mal an. Also die wundern sich dann später, dass das Kind sich nicht konzentrieren kann, wenn es diese
kurzen,
schnellen Reizimpulse kriegt,
die
ganze Zeit.
Also
ich
denke,
ich persönlich denke, dass
nicht
nur diese Digitalisierung der Kinder, also eben wenn man iPads und ihnen einfach solche digitale Sachen vor die Nase hält, um sie ruhig zu stellen, dass das unter anderem ein Grund ist.
Ich
nenne jetzt etwas, vielleicht eine steile These und das mag vielleicht
ein
bisschen kratzen auch bei gewissen Leuten, aber es ist okay.
Ich
denke, könnte es auch sein,
zum
Beispiel, dass Kinder auch innerhalb von diesem, ich meine, alles ist ja so systematisiert, oder? Der Ablauf, dann Zeit, dort rein, dort raus, dann gibt es das, dann gibt es das. Wir stecken ja diese Kinder in ein System rein, wo wir sie erziehen, jetzt kommt wieder das Wort erziehen,
um
sich in diesem System konform auch zu verhalten. Wenn sie sich irgendwie nicht konform verhalten, dann kann man Diagnose ADHS stellen, man gibt ihnen Ritalin, wie du sagst, und damit sie sich, und das hast du vorhin selber gesagt, damit sie sich wieder konform verhalten, oder?
Könnte
es einfach auch sein, dass das ganze System gegen die Natur
der
Menschen oder der Kinder
spricht
und es einfach,
die
Kinder vielleicht da drinnen sich nicht ausleben können, wie sie es sonst würden, wenn sie mehr Freiheit hätten? Es ist,
ja,
zweischneidig. Auf der einen Seite denke ich, Kinder hatten noch nie so viel Freiheit wie heute.
Ist das so? Anders.
Also man lässt dem Individuum schon sehr viel Raum. Wir haben schon fast zu viel Individualismus. Kinder sind teilweise schon ganz überfordert von dem Individualismus. Beispiel, praktisches Beispiel.
Ich
kann mich gut an eine Mutter erinnern, die hatte einen anderthalbjährigen Sohn, sprachlich und motorisch, also der war wunderbar entwickelt. Der
wirkte
vielleicht
zwei
Jahre älter fast schon, als er war.
Und
die hat mit ihm geredet,
wir
sind ja gleichberechtigt,
wir
sind ja auf einer Stufe, mein Sohn und ich. Die hat mit ihm geredet wie mit einem Erwachsenen. Und dann hat sie ihm nachmittags, als sie ihn abgeholt hat,
hat
sie gesagt, möchtest du die Latzhose, die Jeans oder die Korthose anziehen?
Und
du denkst,
der
ist anderthalb Jahre alt, der muss solche Entscheidungen noch nicht treffen.
Das
ist eine Überforderung. Der Junge hat auch regelmäßig geweint. Der hat viel geweint. So gut er sprechen konnte und so gut er laufen konnte und so gut er schon einen Stift halten konnte.
Der
war noch nicht trocken.
Klar,
ein Kind macht ja eins nach dem anderen. Erst kommt das, dann kommt das, dann kommt das.
Und
jedes Kind wird trocken. Insofern hätte sich die Mutter da gar nicht so einen Kopf machen müssen, aber
er
hat eben auch sehr viel geweint. Und ich glaube, das hatte sehr viel mit diesen Überforderungen zu tun, weil sie ihm alle Entscheidungen,
alle
wichtigen Entscheidungen selbst treffen lassen wollte.
Aber
hatte sie da eine pädagogische Strategie dahinter? Oder hast du mal mit ihr geredet?
Nee,
so
nicht. Also ich habe ihr schon mal gesagt,
er
ist anderthalb Jahre alt, er hat noch Zeit
mit
dem Trockenwerden. Weil sie sagt, sie macht sich solche Sorgen,
weil
die Tochter von ihrer Freundin, die ist genauso alt wie er und die braucht schon keine Windel mehr.
Ja,
jedes Kind ist aber anders, jedes Kind hat seinen
Rhythmus
und
vertrau
mir, wir haben uns damals alle geduzt, vertrau mir, jedes Kind wird trocken.
So,
und,
aber
über dieses, dass sie mit ihm redet, wie mit einem Erwachsenen und dass er Entscheidungen treffen darf oder soll, was einfach nicht altersangemessen ist, da kamen wir damals gar nicht so dazu, weil ich auch damals noch Azubi war
und
mich gar nicht,
gar
nicht wirklich so getraut habe, da so,
weiß
ich, wie soll ich sagen, so zu fragen.
Wäre
heute wahrscheinlich anders.
Ich
würde heute wahrscheinlich schon sagen,
er
braucht solche Entscheidungen noch nicht treffen, zieh ihm die Hose an, die du für richtig hältst.
Ich
habe da ein paar Zahlen aufgeschrieben, weil du hast ja gesagt, eben die Kitas haben
zu
wenig Aufsichtspersonal.
Das
scheint eines der eigentlich
großen
Probleme zu sein, wenn ich das so richtig rausgehört habe. Naja, ist auch kein so attraktiver Beruf für viele. Ist kein attraktiver Beruf? Okay, ich nehme das einfach so an. Für
viele,
ja, du hast eben, du verdienst schlecht,
du hast
keine
Aufstiegsmöglichkeiten in dem Sinne, also wenn du wirklich Karriere machen möchtest in irgendeinem Feld, dann ist es ja jetzt kein
so
geeigneter Beruf. Du kannst vielleicht noch in die Kita-Leitung gehen, ja, aber das
ändert
sich, also
so, ändert
nicht viel. Und das Interessante aber ist, oder, das Ganze scheint sich auch noch zu verschärfen.
Und
zwar ist es so, dass in Deutschland seit 2006, also ich habe die letzten 20 Jahre abgefragt,
und
im 2006 waren 45, circa 45.000 Kitas in Deutschland,
im
2025, bis letztes Jahr, waren es bereits circa 61.000 Kitas.
Also
ein Anstieg von circa 35 Prozent an Kitas. Und das sagt ja eigentlich aus,
dass
das Problem, was du ansprichst, das wird einfach nur noch, das wird nur noch heißer aufkochen, oder? Weil, dann habe ich noch geschaut, die betreuten Kinder dazu, und das ist ja auch spannend, oder? Bei den betreuten Kindern ist es so, dass es
zwischen
40 und 50 Prozent Anstieg gab in den letzten zwei Jahrzehnten
von
Kindern, die in die Betreuung gehen in Kitas. Also im Prinzip ist es so,
eigentlich
spricht ja alles dagegen,
dass
man da eher ein bisschen schlanker wieder machen muss, oder abbauen muss. Aber das Ganze ist ein Wachstumsmarkt, sofern man da von einem Markt sprechen kann überhaupt.
Aber,
und jetzt haben die schon diese Probleme, organisatorischen Probleme mit zu wenig Personal.
Wo
führt das dann noch hin?
Wo
führt das hin?
Ja,
da müssen wir jetzt eine Kristallkugel auf dem Tisch haben.
Ja,
es sind so viele Dinge, die sind nicht,
also
ganz oft werden Entscheidungen getroffen,
politische
Entscheidungen getroffen von Menschen,
die
die Lebensrealität nicht kennen. Zum Beispiel?
Fast
jede Schule oder jede Kita soll jetzt eine Integrationskita sein. Das heißt also auch Kinder mit Behinderungen aufnehmen,
damit
die gleich obenauf mit gesunden Kindern aufwachsen.
Das
ist eine sehr schöne Idee. Ich finde das eine ganz tolle Sache. Das Problem ist nur,
dass
geschulte Personal fehlt.
Nicht
jeder Erzieher ist ein Integrationserzieher. Nicht jeder Erzieher kann mit behinderten Kindern arbeiten oder möchte,
dass
es für alle Beteiligten nicht gut ist, für das Kind nicht gut ist, für den Erzieher nicht gut ist, für die Eltern nicht gut. Aber es
gibt
eben für Integrationskinder eben auch zusätzlich Geld. Das heißt, wenn eine Kita zwei, drei Integrationskinder annimmt,
ohne
Integrationserzieher im Haus zu haben,
oder
vielleicht haben sie einen, aber der ist nur in Teilzeit da, wie soll der sich um die ganzen Kinder kümmern? Also es ist, oder das Gebäude ist vielleicht gar nicht richtig ausgebaut. Das ist nicht, vielleicht nicht immer rollstuhlfreundlich
oder
nicht
ausgestattet
für Kinder mit Einschränkungen.
Und
so stelle ich mir das bei vielen anderen Entscheidungen auch vor, dass da einfach etwas entschieden wird, zum Beispiel dieser Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz. Das ist ja schön und gut, dass Eltern sich theoretisch einen Kita-Platz vor Gericht erstreiten können, aber
wenn das
kein Personal in diesen Kitas ist, es werden ja auch Kitas gebaut, sehr schön. Aber was bringt das Gebäude, wenn keine Fachkräfte da sind, die dort arbeiten oder zu wenig arbeiten, also zu wenig Fachkräfte zum Arbeiten?
Ja,
dann hast du eigentlich genau das, du hast Quantität, aber keine Qualität, weil es
kann nicht...
Und
wo führt es hin?
Also
dieser Personalmangel
führt
eben,
wie
ich eben schon sagte, in dieser Zeit, wo ich quasi alleine war, konnte ich nicht pädagogisch arbeiten. Ja, da konnte ich natürlich beim Frühstück
oder
beim Mittagessen, dass man mal schaut, so ein bisschen die Tischmanieren, dass man eben vielleicht nochmal mit Messer und Gabel so ein bisschen helfen kann. Und dass man mit vollem Mund nicht... Also man kann schon ein bisschen was machen,
aber
wirklich so diese Sachen,
Bewegungsangebote,
Grobmotorik, Feinmotorik, Spracharbeit, also dass man
diese
ganzen Bereiche,
das
fällt einfach weg.
Weil
du nur noch beaufsichtigst.
Weil
letzten Endes ist es natürlich das Wichtigste, dass das Kind wohlbehalten mittags wieder abgeholt werden kann. Also du bist dann nur mit Beaufsichtigung beschäftigt.
Und
nur um Kinder zu beaufsichtigen, muss ich nicht noch drei Jahre studieren oder eine Ausbildung machen. Das kann ich auch
so aufpassen,
dass kein Kind vom Klettergerüst fällt. Das ist natürlich auch nicht, ist für den Erzieher auch nicht wirklich fordernd. Man möchte ja doch auch ein bisschen den Kindern was vermitteln, man möchte ja ein bisschen was tun. Und
wenn
das
wegfällt... Also
eine Kollegin, eine Freundin von mir, die hat im Hort, Entschuldigung, in der Krippe gearbeitet. Das heißt also 20 Kinder unter drei Jahren, die meisten noch in Windel,
die
waren zu zweit.
Und
irgendwann haben die sich nur noch abgewechselt. Die eine war eine Woche krank, da war die andere alleine mit den Kindern und dann
war
die andere krank. Und das ist dann so eine Spirale,
die
war durch. Die war
nach... Die
ist inzwischen auch nicht mehr in dem Beruf tätig. Die hat
gewechselt. Denkst du,
dass
da...
Also
eben die Kitas nehmen zu, die zu betreuenden Kinder nehmen zu.
Denkst
du aber, dass die Erzieher... Ich sage einfach Erzieher. Ich hoffe, das ist der richtige Name dafür. Die Erzieher aber auch zunehmen werden oder eher stagnieren wird?
Ich
weiß tatsächlich gerade nicht, wie es aussieht. Ich weiß...
Also
ich weiß ein bisschen, dass die männlichen Erzieher nachziehen. Also als ich die Ausbildung gemacht habe, da waren wir
20
Frauen und drei Männer in dem Jahrgang. Und im Jahrgang drunter war es schon deutlich mehr.
Da
waren es 10 Männer und 20 Frauen oder so. Also
ich
weiß, dass es mehr Männer inzwischen in dem Beruf gibt, was auch sehr schön ist, weil so haben die Kinder eben auch
Rollenvorbilder
in beiden Geschlechtern. Und ich glaube, das ist für einen Betrieb auch gut, wenn sich das so ein bisschen im Personal durchmischt.
Aber
wie es insgesamt aussieht, ich weiß es tatsächlich nicht.
Also
wie viele Erzieher
jetzt
die Schule absolviert haben, die Ausbildung absolviert haben.
Ich
meine,
was
den Beruf sehr attraktiv macht, ist, man findet eigentlich immer Arbeit. Durch den Fachkräftemangel.
Nehmen
wir mal an, ich möchte irgendwo hinziehen. Ich
bin nicht so
auf die Landkarte und ich weiß, ich finde im Umkreis von fünf Kilometern einen Job.
Das
ist schon mal was ganz Gutes. Also das macht es vielleicht attraktiv und es ist ja auch ein schöner Beruf. So ja nicht, aber
in
Deutschland ist immer noch so das Problem, dass wir da
dieses
Süd-Nord-Gefälle haben, auch was die Gehälter angeht. Also ein Erzieher in Baden-Württemberg und Bayern
verdient
ungleich mehr als in Berlin oder Schleswig-Holstein oder Mecklenburg-Vorpommern.
Ja,
dann wandern die natürlich ab in den Süden, oder? Ja, kann passieren. Ich meine, ich bin ja auch aus Berlin
weggegangen. Ja, du bist nach Frankreich gegangen. Ich bin nach Frankreich gegangen, aber ich habe in der Jugendhilfe in Deutschland gearbeitet als Grenzgänger. Also ich habe in Deutschland gearbeitet und habe in Frankreich gewohnt.
Ja,
wir haben jetzt die ganze Zeit über Kitas gesprochen, aber da möchte ich auch noch hin, in die Jugendhilfe. Also das ist ja dann etwas anderes nochmal, oder?
Ja,
da möchte ich unbedingt jetzt rein. Ich habe noch eine letzte Frage zu Kitas und dann verlassen wir die Kitas. Sag mir, wenn es dir unangenehm ist, deine Gedanken zu äußern.
Ich
habe
öfters
schon mal, ist bei mir aufgepoppt und habe ich gelesen, dass in Kitas teilweise Kinder
früh
sexualisiert wurden, im Sinne von, dass die so Räume gemacht haben, wo
Kinder
quasi sich gegenseitig entdecken durften
oder
konnten. Hast du von dem schon gehört? Ich habe davon gehört, ja. Ist das unangenehm, über das zu sprechen? Oder darf ich da fragen, was deine Gedanken dazu sind oder was da genau passiert?
Ich habe das noch nicht erlebt. Zum
Glück.
Ich
weiß
auch nicht, ob ich so dafür bin.
Also
ich habe davon gehört, natürlich, das war ja auch überall in der Presse, in den Einrichtungen, in denen ich gearbeitet habe, war das kein Thema. Also
klar,
Kinder entdecken sich. Die entdecken sich auch mit zwei, drei Jahren. Das ist auch
okay.
Ich hatte auch in der Schlafwache,
wo
ich die Kinder im Mittagsschlaf
beaufsichtigt
hatte,
da
war auch immer mal wieder ein Mädchen, die war vier oder fünf. Die hat sich eben auch dann in der Mittagspause angefasst. So.
Da
hat man dann gesagt, so, es ist ein bisschen laut.
Sorry.
Ja, sorry.
Es
ist jetzt ein bisschen laut. Versuch mal ein bisschen zur Ruhe zu kommen. So, aber grundsätzlich. Also es ist
völlig
in Ordnung, wenn ein Kind sich entdeckt.
Und
es ist vielleicht auch gar nicht schlecht, dem Kind einen Raum zu geben.
Also
ich hatte zum Beispiel einen kleinen Jungen, der wollte uns immer seinen Penis zeigen. Der war zweieinhalb, glaube ich. Also der war noch klein. Und dann habe ich gesagt, wir sind hier gerade
am
Tischdecken. Geh mal ins Badezimmer und dann kannst du vorm Spiegel. Also dass man dem Kind insofern einen Raum dafür gibt. Dass man dem Kind auch sagt, es ist nicht immer
der
richtige Zeitpunkt und der richtige Ort. Und
ja,
okay.
Also ich habe
es in der Einrichtung nicht erlebt und ich weiß auch nicht, ob ich
so
d'accord damit bin, dass das zu forcieren.
Dass es
gefördert
ist. Dass es zu
forcieren, weil es passiert von alleine. Kinder sind neugierig. Die sind neugierig, was bei dem anderen Kind ist
und
was bei einem selber los ist. Und die machen das schon.
Und
ich finde es auch völlig in Ordnung, die Kinder da
das
machen zu lassen. Weil alles andere ist, glaube ich, auch
keine
gesunde Intervention. Aber also dass man dem halt auch wirklich diesen natürlichen Lauf lässt und dass man es eben insofern moderiert, dass man sagt,
also ist
ja schön, dass du einen Penis hast, aber bitte nicht hier am Tisch.
Ja,
das
klingt, wenn du es so wie du es sagst, klingt es für mich so, das passiert einfach so im natürlichen Lauf. Aber was ich gelesen habe aus den Medien raus ist, dass die wirklich
aktiv
Räume geschaffen haben und das auch aktiv, ich sage jetzt einfach, gefördert wurde, dass Kinder sich da quasi, man hat sich schon fast
darauf
hingewiesen, dass sie sich entdecken sollen.
Und ich
muss ehrlich gesagt sagen, mich irritiert das sehr. Ja, mich auch. Ich finde es für mich persönlich sehr verstörend, der Gedanke schon. Und
ich
würde,
also
wenn ich wüsste, eine Kita würde das tun, würde ich jetzt
niemals
mein Kind da hinschicken. Ja, würde
ich auch nicht. Also ich würde mein Kind auch nicht da hinschicken. Ich sehe das ganz ähnlich wie du.
Ich
bin da so ein bisschen so, nee,
muss nicht sein. Muss nicht sein, sollte, soll auch nicht sein.
Gehen
wir rüber in die Jugendhilfe. Okay. Luft holen oder was? Ja. Ist das ein schweres Thema?
Ist
das schwerer als das Kita-Thema? Warum?
Also
noch schnell zum Einstufen. Jugendkita, das ist,
sprechen
wir bei Kita in einem bestimmten Rahmen, Altersrahmen und bei Jugendhilfe in einem anderen Altersrahmen. Können wir das zuerst mal einstufen, dass wir da verstehen, mit was für Kinder wir zu tun haben?
Also
die Erzieherausbildung
bereitet uns für Kinder bis 27 Jahre vor.
Das
heißt,
es
wird abgedeckt
das
Krippenalter, wo in Deutschland die Kinder mit einem Jahr hinkommen,
in
Frankreich mit drei Monaten schon. Dann das Kita-Alter ist so von eins bis sechs
oder
von drei bis sechs ist der Kindergarten so. Dann kommt der Hort, also die Schule ab sechs Jahren
und
die Hilfen zur Erziehung heißt das. Da geht es dann eben um Jugendhilfe. Das können Jugendeinrichtungen sein,
wo
die nachmittags eben betreut werden, wo die nachmittags ihre Hausaufgaben machen können, spielen können. Das können Wohngruppen sein, das können therapeutische Wohngruppen sein, das können
Kinderdörfer
sein, gibt es ja auch noch. Und ich hoffe, ich habe jetzt nichts vergessen.
Also
wir haben damals in der Ausbildung so einen Rundumschlag gemacht.
Aber
ich muss zugeben, die Jugendhilfe oder die Hilfen zur Erziehung,
das
war so ein
kleines
Segment in der Ausbildung,
weil
davon ausgegangen wurde,
dass
90 Prozent von uns eh in die Kita gehen oder in den Hort, also in die Grundschule.
Also
ich bin dann in die Jugendhilfe gegangen, weil das mit meiner Lebenssituation in Frankreich irgendwie ganz gut korrespondierte. Dass ich sagte, okay, da arbeite ich mehr am Stück.
Ich habe
erst in einer therapeutischen Wohngruppe und dann in einer normalen Wohngruppe gearbeitet. Das heißt, da hast du 24-Stunden-Schichten
und
hast dafür aber dann auch ein bisschen frei. 24-Stunden-Schichten? Ja.
Das darf vom
Gesetzgeber her nicht sein, da wird dann so ein bisschen in der Abrechnung so ein bisschen getrickst, aber es sind faktisch sind es 24
-Stunden-Schichten, ja. Also das heißt, meinst du damit, du bist 24 Stunden präsent? Ja. Am Stück? Ja.
Ich
habe
nachts Bereitschaft. Ich kann im Büro, da ist dann meistens so ein Bett oder eine Pritsche,
da
kann ich dann zwischen 23 und 5 Uhr morgens mich hinlegen und Bereitschaft machen.
Aber
wenn um 2 Uhr morgens ein Jugendlicher an die Tür klopft und sagt, guck mal, ich habe mir den Arm aufgeschnitten, dann muss ich mich natürlich um den kümmern.
Ah,
okay. Das ist so ein bisschen wie das Bandor zu
Piqué
-Dienst.
Kennst
du das Wort? Mhm.
Das
benutzt man, glaube ich, so bei den Handwerken. Piqué-Dienst, die sind dann auf Bereitschaft.
Ja,
also genau.
Ich
glaube, ich erkläre einfach mal. Also die therapeutische Wohngruppe,
eine
Wohngruppe für Jugendliche
ist
in der Regel eine Einrichtung, die junge Menschen aufnimmt.
Ich
sage jetzt mal zwischen 13 und 21 Jahren.
Kann variieren,
je nach Einrichtung. Kann der 13-Jährige und der 21-Jährige in der gleichen Wohngruppe drin sein?
Ja,
das kann sein. Miteinander? Ja, jeder hat sein eigenes Zimmer. Wohngruppe heißt, die wohnen da, die schlafen
da
auch?
Ja, das ist wie eine... Das
ist ein Jugendheim.
Wie eine WG. Früher hießen die Kinderheime. Das darf man heute nicht mehr sagen.
Das
darf man nicht mehr sagen? Nein. Wie sagt man jetzt? Das ist stigmatisierend. Das ist eine Wohngruppe. Okay. So eine Jugendwohngruppe.
Die
Kinder sind entweder auf eigenem Wunsch oder
auf
Wunsch des Jugendamtes aus ihren Familien genommen worden und die wohnen dann dort
und
machen von dort aus ihre Schule zu Ende oder ihre Ausbildung
und
werden dann eben von den Erziehern
betreut.
Und in der therapeutischen Wohngruppe war es noch so,
da
waren noch zwei Psychologinnen im Dienst, wo es...
Es
war obligatorisch für die jungen Menschen, die dort wohnten, dass sie eben auch
sich
in die therapeutische Behandlung dort begeben haben. Also in der therapeutischen Wohngruppe war es damals so,
da
sind
hauptsächlich
junge Mädchen hingekommen,
die
psychische Erkrankungen hatten, Depressionen, Essstörungen etc. Das war dann an einem Punkt,
wo
die schon nicht mehr beschulbar waren.
Also
sie konnten nicht mehr zur Schule gehen.
Der
Tagesrhythmus war komplett eingestürzt. Das heißt, die haben den Tag über geschlafen,
sind
vielleicht um 17 Uhr aufgestanden, waren dann die Nacht über wach. Und wir waren dann dafür da, sie ein bisschen wieder dahin zu kriegen,
dass
sie
zumindest
so beschulbar sind, dass sie irgendwann mal einen Schulabschluss machen können.
Und
dass wir dann vielleicht nach einem Jahr oder so vielleicht so weit waren, dass sie
wenigstens
drei, vier Stunden am Tag
in
eine Schulersatzmaßnahme gehen konnten. Das war
schwierig,
weil ich bin in meiner Ausbildung
darauf
nicht vorbereitet worden. Es gibt eine gesonderte Ausbildung für Jugend- und Heimerzieher.
Die
habe ich aber nicht gemacht. Und ich bin da reingegangen und
es
hat mich mehr mitgenommen, als ich dachte. In der Kita waren andere Geschichten. In
der
Kita
sind so kleine Krirze. Da ist
die Welt noch in Ordnung. Und da waren in der Regel auch wirklich liebende Eltern. Und dort hast du eben,
liebende
Eltern durchaus auch, aber eben
zerrüttete
Verhältnisse. Und Kinder, die eben teilweise Suizid, oder junge Menschen,
14,
15 Jahre, die
mit
Selbstverletzten im Verhalten, mit Essstörungen, mit Spielsucht, mit
Problematiken, wo
du wirklich,
oder
wo ich mich, Entschuldigung, aber wo ich mich wirklich teilweise
zusammenreißen
musste, dass mir nicht die Tränen runterlaufen, weil ich dann dachte, scheiße,
hier
musst du deine Empathie so ein bisschen drosseln und ein bisschen
cooler
werden.
Also
da hattest du wirklich traumatisierte Kinder.
Ja,
junge Menschen. Also schon keine Kinder mehr, sondern Teenager. Teenager, wo sowieso alles schwierig ist. Wo
die
Hormone so reinpumpen, dass du sowieso schon im Jum bist. Ich meine, es ist für niemanden schön. Nein, man erinnert sich ja selber noch an die eigene Zeit. Und dann eben noch diese, ja,
oft
sind es wirklich so, entweder Vernachlässigung oder irgendeine Form von Missbrauch.
Ohne
Grund
holt
als Jugendamt kein Kind von seinen Eltern weg. Also da
ist
schon immer eine Vorgeschichte und ganz oft ist es so eine Grenzüberschreitung gewesen,
in
dem Sinne, dass das Kind die Elternrolle für sie Eltern übernehmen musste.
Was
war der schwierigste Fall, den du da
erlebt
hast?
Also
ich war in zwei Wohngruppen.
In
der ersten
war
es
ein
junger Mann, der war 17
und
der war spielsüchtig, computerspielsüchtig.
Und
das ging so weit, dass er eben nicht mehr
zur
Schule gehen konnte
und
dass seine Eltern kamen auch nicht mehr an ihn ran. Also seine Eltern waren wirklich liebend und
waren
aber am Ende ihrer Weisheit. Und die haben den dann in die Einrichtung mithilfe des Jugendamtes und so weiter.
Also die
mussten ihn
zwangseinweisen?
Nein,
das Jugendamt, das war eine gemeinsame Entscheidung vom Jugendamt und den Eltern.
Weil
die Eltern sagten, sie schaffen es nicht mehr.
Der
wog irgendwann 160 Kilo. Und wenn der nicht aufstehen wollte, ist der nicht aufgestanden.
Und
das war für uns tatsächlich sehr schwierig.
Wir
hatten mit viel Mühe eine
Maßnahme
für ihn gefunden,
wo
er drei Stunden am Tag
hingehen
sollte,
um
irgendeinen Schulabschluss zu kriegen.
Und
da ist er
in
einer guten Woche dreimal hingegangen,
in
einer schlechten Woche ist er gar nicht hingegangen.
Und
es war jeden Tag ein wirklicher Kampf,
ihn
zum Aufstehen zu bringen.
Also
der ist zu Hause, ist er gewöhnt gewesen, immer zu gamen.
Du
sagtest, du redest von Spielsucht. Ich denke, das ist wahrscheinlich einfach Online
-Games. Ja,
Computer
-Games. Und
dann wird er von zu Hause rausgerissen, wird zu euch platziert. Und natürlich, die erste Maßnahme ist natürlich kein Gaming mehr, oder? Nein,
das
durften wir nicht.
Das
wäre auch mein... Ja, dann
nehmen
wir ihm doch den Computer weg. Nein, dürfen wir nicht. Das ist
ein
zu großer Eingriff in sein Persönlichkeitsrecht.
Also
der kommt zu euch und...
Und hat weitergemacht
wie bisher. Ja, also das war so diese Ohnmacht, die mich dann auch so frustriert hat, fertig gemacht hat.
Wir
hatten
damals
so einen Sicherheitskasten, wo wir für jedes Zimmer einzeln den Strom ausschalten konnten. Und wir haben in einer
Teamsitzung
besprochen, dass wir um Mitternacht ihm den Strom ausstellen.
Weil zwischen
Mitternacht und 6.30 Uhr morgens soll er vielleicht schlafen.
Also
erst einmal hat er so lange dann mit seinem Handy gespielt, bis der Akku alle war. Da war es dann auch 4 Uhr morgens. Und dann, als es gar nichts mehr ging, hat er auch das Jugendamt verständigt. Und da wurde uns gesagt, dass wir auch das nicht dürfen.
Und
das war für mich so das Schwierigste, weil ich dachte, wir erhalten hier einen Status quo. Es gibt ja so Detox-Kliniken, Entzugskliniken für spielsüchtige Jugendliche.
Da
hätten wir einen Platz für ihn gekriegt. Aber er wollte halt auch nicht. Er war 17 Jahre alt. Er hatte noch ein halbes Jahr bis zum 18.
Und
mit 18 ist sowieso schwierig.
Also
mit 18... Dann musst du ihn entlassen, oder? Entweder man... Ja, jein. Also... Aber dann ist er ja mündig. Er ist mündig. Und oft ist es dann aber so, dass das mit dem Jugendamt dann irgendwie geregelt wird, dass er dann ab 18 die Unterschrift leistet. Er möchte weiter in der Einrichtung bleiben. Da verpflichtet er sich aber auch mehr oder weniger, sage ich jetzt mal, zur Mitarbeit. Und wenn die Mitarbeit nicht mehr geleistet ist, dann beendet das Jugendamt auf die Hilfe.
Dann
wird er nach Hause geschickt.
Wenn
er noch nach Hause kann. Ich war dann in einer anderen Wohngruppe.
Als
ich aus der therapeutischen Wohngruppe habe ich dann gewechselt in eine andere Wohngruppe, in eine normale.
Da
hatten wir dann auch Fälle, wo wir junge Menschen mit 18 dann in die Obdachlosigkeit entlassen haben.
Nein.
Die
Eltern sind nicht mehr verpflichtet, ihn mit 18 oder sie mit 18 zu nehmen.
Und
wenn es keine andere Möglichkeit gibt.
Aber
das passiert ja nicht von heute auf morgen. Dem geht ja etwas voraus.
Und
wie gesagt, also der Jugendliche, der in eine Einrichtung kommt, unterschreibt damit quasi, sich an die Hausregeln zu halten und gewisse
Regeln
einzuhalten.
Also
du hast das miterlebt,
wie
jemand in die Obdachlosigkeit
gelassen
wurde quasi.
Also
ich habe dann... Ausgesetzt wurde.
Also
wir
haben ihn da hingefahren, wo er hin wollte.
Wir
haben ihm eine Telefonnummer gegeben, wo er zumindest einen Schlafplatz hat, dann nachts.
Da
gibt es ja Obdachlosenunterkünfte und so weiter.
Ich
habe
auch
bei dem einen, wo ich es jetzt noch weiß, da habe ich dann ein halbes Jahr später erfahren, er ist dann doch irgendwann wieder zu seinen Müttern
gezogen
oder zu seiner Mutter gezogen. Krass. Also insofern war der da nicht auf der Straße, aber auch da wurde dann ein Status quo erhalten.
Also
da
hat
man dann doch jemanden gehabt über ein Jahr, zwei, drei Jahre vielleicht.
Und
am Ende
wegen
irgendwelcher Regularien oder wegen irgendwelcher
Vorschriften
konntest du eben nicht wirklich pädagogisch mit dem arbeiten
oder
ihr.
Und
letzten Endes hast du einen Status quo erhalten. Und das ist der Grund, letzten Endes einer der Gründe, weshalb ich aus der Jugendhilfe dann auch raus bin nach vier Jahren.
Und dann standst
du kurz selber vor dem Burnout?
Ich
glaube, ich bin mittendrin. Ich bin mitten in diesem stillen Burnout. Ich merke das an meinem Schlafverhalten. Ich merke das
an
meinem Fakasmus.
Diese Symptome, die du
gewandt
hast vorher. Ja, da
bin ich mittendrin.
Ja,
also erst einmal,
diese
24-Stunden-Dienste waren nicht ohne. Und meine Kollegen waren alle
20
Jahre jünger als ich. Da habe ich deutlich gemerkt, die stecken das besser weg. Dann, ja gut, Feiertage, Wochenenden und so weiter, das fällt eh alles weg.
Ich
muss sagen, ich war bei einem sehr guten Träger, der hat sehr, sehr gut bezahlt. Da gab es 14 Monatsgehälter und
das
war finanziell wirklich sehr gut. Die haben wirklich versucht, ihre Mitarbeiter durch finanzielle Wertschätzung, nenne ich es mal, wirklich auch zu halten. Wird das staatlich subventioniert? Die Plätze, die werden ja vom Jugendamt bezahlt für die Jugendlichen. So für den Jugendlichen in der Jugendhilfe, im Wohnheim. Das kostet zwischen 6.000 und
7
.000, 8.000 Euro. Vielleicht je nach Einrichtung,
je
nach Umfang, je nach Alter vielleicht auch. Oder was der junge Mensch macht, ob der noch zur Schule geht, ob der eine Ausbildung macht.
Pro
Monat. Ja, pro Monat. Nehmen wir mal an. Nehmen wir mal so mittelwert 6.500 Euro pro Monat.
Und
ja, also diese Wohngruppen, das waren jeweils,
das
war in beiden Fällen ein Haus. Jedes, jeder junge Mensch hatte ein Zimmer.
Dann
gab es eine große Gemeinschaftsküche. Es gab einen Gemeinschaftsraum,
wo
dann auch zusammen gegessen wurde. Kellerräume, wo dann Tischtennisplatten standen, wo man
werkeln
konnte. Ein Sportraum, wo man Handeln und Sportgeräte hatte.
Also
die waren schon gut auch
eingerichtet.
Dann gab es noch so ein extra Haus mit einer Verselbstständigungsgruppe, wo dann jemand,
der
jetzt bald
ein
Jahr, sagen wir mal, in einem Jahr die Jugendhilfe verlassen wird, schon mal
schauen
kann, wie es ist, alleine zu wohnen.
Wo
man als Erzieher dann nur noch unregelmäßig, oder was heißt unregelmäßig, aber wo man nur noch,
sage
ich jetzt mal, einmal die Woche reinschaut oder zweimal die Woche und
Hilfe
gibt bei, keine Ahnung,
was
mache ich, wenn die Waschmaschine kaputt ist. Wen rufe ich da an und sowas. Aber das sind dann die, wo ich sage mal, wo schon alles erfolgreich durchlaufen ist und wo die wissen,
so
im nächsten halben Jahr gehe ich auf Wohnungssuche.
Dann
hilft man noch bei der Wohnungssuche, dann hilft man beim Auszug
und
dann sind das ja auch Erfolgsgeschichten. Wenn da jemand
einige
Jahre in der Jugendhilfe war und das sind ja, wie gesagt, das ist nicht ohne Grund, das ist eigentlich immer mit
einer
Form von Missbrauch oder Vernachlässigung
geht
das einher.
Und
oft natürlich auch mit Diagnosen wie ADHS, mit einer Störung auf dem Autismus-Spektrum, darf man von Störung sprechen, du weißt, was ich meine. Ja, da ist oft Selbstverletzendes Verhalten
und
von Persönlichkeitsstörungen wollen wir gar nicht anfangen, weil die dürfen vor dem 18. Lebensjahr ja nicht diagnostiziert werden.
Das
heißt, da kann jemand wirklich alle
Kriterien erfüllen
für die Diagnose einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung oder einer Borderline-Persönlichkeitsstörung,
darf
aber nicht diagnostiziert werden, erst mit
der
Vollendung des 18. Lebensjahres.
Weil
der Gesetzgeber davon ausgeht,
dass
du erst dann
eine
fertige Persönlichkeit bist.
Und
da kannst du vorher auch keine Persönlichkeitsstörung haben.
Ja, das ist ja,
das
ist ein bisschen absurd.
Naja,
aber es ist
halt so. Irgendwo muss ja eine Trennlinie gezogen werden.
Naja,
aber da waren halt Situationen, also ich hatte eine Jugendliche, die hatte so dissoziative Zustände und hat sich
dann
selbst verletzt. Und die hat nicht am Arm oder am Oberschenkel geritzt, wie die meisten, sondern die hat am Hals geritzt.
Und
dann war ich im Bereitschaftsdienst und dann klopfte es um halb drei Uhr morgens an der Tür und dann stand sie vor mir und dann
lief
das Blut hier runter.
Also
am Hals verletzt, aufgeschnitten? Ja,
so
geritzt.
An die Schlagade. Also nicht
tief,
also die weiß ich nicht,
aber es sieht halt,
es ist
als Bild, sieht es
schrecklich
aus.
Ich meine, es sieht auch
schlimm aus, wenn sich jemand am Arm ritzt oder
am Oberschenkel, es sieht immer schlimm aus. Aber
wenn jemand so vor dir steht und das T-Shirt,
ich
war darauf nicht, ich war dafür nicht ausgebildet, ich war darauf nicht vorbereitet und ich wurde auch
letzten
Endes,
du
hast einmal im Monat Supervision, da wird darüber gesprochen,
letzten Endes,
ja. Aber
wie kann man seinen Job lieben
oder
wie kann man seinen Job gerne machen
mit
solchen Situationen
vor
den Augen?
Naja gut, es gibt ja
immer
auch schöne Momente. Es gibt ja auch
Jugendliche,
junge Menschen,
mit
denen das Arbeiten ganz wunderbar ist, wo du dann eben auch
die
schönen Erlebnisse hast, wenn sie sich eben tatsächlich ihre erste eigene Wohnung suchen.
Und das hatte ich
letztes Jahr eben auch, wo ich dachte, wir kennen uns jetzt seit zweieinhalb Jahren und ich
sehe,
was du für eine große Entwicklung gemacht hast. Und du hast jetzt deine Ausbildung fertig, hast du bestanden, sogar sehr gut bestanden
und
du wirst einen Job finden
und
wir packen die Sachen und du ziehst jetzt in deine erste eigene Wohnung.
Und
das ist schon was Schönes und auch
in
den Hilfen zur Erziehung oder in der Jugendhilfe gibt es da zwei Möglichkeiten, entweder Rückführung in die Familie oder eben in die Selbstständigkeit.
Ich
war jetzt das eine Mal in der therapeutischen Wohngruppe,
da
war dieses Zurückführen in die Familie auch noch eine Option.
Bei
der zweiten Wohngruppe haben wir sie auf die Selbstständigkeit vorbereitet.
Und
in dieser therapeutischen Wohngruppe war es dann eben auch schön zu sehen, wenn sich die Eltern und das Kind wieder ein bisschen annähern.
Wenn
man dann so sieht, vielleicht
in
einem Jahr oder so kann
sie
vielleicht doch wieder zu ihren Eltern.
Es
scheint sich hier ein bisschen zu lösen, dieser Knoten, der sich da gespannt hatte.
Das
ist schon schön. Ja,
das sind
Erfolgserlebnisse.
Und es ist auch schön zum Beispiel die Jugendfreizeiten. Du fährst eine Woche mit den Jugendlichen wohin
und
es ist wie eine Klassenfahrt.
Und
das ist schon toll. Das macht schon Spaß. Okay.
Und ja,
also…
André,
danke, dass du mich da zurückgeholt hast, weil ich habe mich da für einen Moment, und ich merke es jetzt gerade, oder? Weil du mir jetzt diese guten Seiten einblendst und das gefällt mir sehr.
Und ich
habe mich am Moment gerade in diesen Horror-Stories verloren, oder? Und darum habe ich gedacht, wow,
wie
kannst du so noch arbeiten, oder? Ich meine,
ich
persönlich, ich wäre wahrscheinlich, ich hätte nicht,
denn
wir sagen hier in der Schweiz, den Silberrücken.
Ich
hätte nicht den Silberrücken, das auszuhalten, aber nebst dem hast du auch Erfolgserlebnisse, wie du sagst. Und das ist das wahrscheinlich, wo euch die Kraft gibt, dann beides, also das andere aushalten zu können, oder?
Also,
letzten Endes habe ich
es ja nicht ausgehalten. Also, letzten Endes habe ich ja dann auch gesagt, letztes Jahr zum 1. September,
ich
gehe aus der Jugendhilfe. Ich
möchte
es nicht mehr. Das waren
einfach,
es waren viele Faktoren. Erstmal waren es eben die Dienste.
Wo ich sagte,
also ich bin so ausgelaugt, wenn ich vier Dienste hinter mir habe, so in zehn Tagen oder was,
dann
bin ich durch. Also, das schaffe ich nicht mehr. Und was noch? Dann diese Ohnmacht, dass ich teilweise das Gefühl hatte, also ich kann dem gar nicht helfen, weil ich nicht weiß, also was soll ich machen, wenn ich ihm den Computer oder das Handy nicht wegnehmen darf?
Ja, du
kannst eigentlich die Ursache nicht beseitigen.
Wie kann ich daran gehen, wenn er sowieso sagt, Ausbildung gehe ich nicht hin, ich will eh Bürgergeldempfänger werden, es lohnt sich doch gar nicht. Arbeiten ist doch nur für Versager. Was soll ich da,
wo
soll ich da ansetzen? Und vor allen Dingen, der ist fast 18
oder
wurde dann ja auch 18.
Was
soll ich da machen? Und dann eben
viel
Papierkram. Du bist eigentlich, ich
habe
gedacht, ich wollte eigentlich Erzieher werden, weil ich mit Menschen arbeiten wollte.
Und
hier sehe ich mich jetzt stundenlang am Telefon, weil ich einen Therapieplatz suche oder einen Arzttermin mache.
Ich
mache irgendwelche
Terminbegleitungen,
also ich fahre mit einem Jugendlichen zum Arzt oder ich fahre mit ihm zu einer Berufsberatung oder was auch immer. Dann muss ich das dokumentieren. Dann muss ich Entwicklungsberichte schreiben. Dann muss ich mich mit dem Jugendamt kurz schließen. Dann muss ich zu einer Besprechung mit dem Jugendamt und der Teamleitung. Also ich mache ganz, ganz viel administrative Geschichten
und
habe
die
Arbeit mit den Kindern oder Jugendlichen, mit den jungen Menschen,
die
ist dann beim Abendessen.
Wenn
ich mit denen zu Abend esse und von dem Tag rede oder wenn wir einen Gruppenabend machen, einmal die Woche.
Das
waren dann so Sachen, wo ich so dachte, doch komm. Und dass ich eben das Gefühl hatte, ich bin zu alt für den Scheiß. Meine Kollegen waren 20 Jahre jünger.
Die
waren ganz locker. Also wenn da jemand in die Obdachlosigkeit entlassen wurde, wo ich wirklich vier, fünf Wochen
gedacht
habe, wir hätten doch noch, der hätte nur mehr Zeit gebraucht.
Wenn
wir den noch,
wenn
wir noch ein Jahr länger gehabt hätten, obwohl ich wusste vom Jugendamt, das war die richtige Entscheidung.
Der
hat den Ausbildungsplatz verloren, weil er 90 Prozent Fehlzeiten hatte.
Da
hat das Arbeitsamt gesagt, also die Ausbildung finanzieren wir nicht mehr, wenn er nicht hingeht. So, dann war der Tagesrhythmus weg.
Das
Jugendamt hat gesagt, ohne Tagesrhythmus finanzieren wir den Schlafplatz nicht oder den Wohnplatz, Wohnheimplatz nicht.
Das
sind ja, wie gesagt, 7000 Euro im Monat. So, das kriegst du irgendwann. Die Jugendamtmitarbeiter müssen das ja auch irgendwann rechtfertigen.
Der
ist über 18.
Der
war jetzt so und so lange in der Jugendhilfe in verschiedenen Einrichtungen. Wir waren ja nicht die Erste. So, und meine Kollegen waren da ganz locker, haben gesagt,
also
wer sich nicht helfen lassen will, den kannst du auch nicht helfen. Womit sie absolut recht haben.
Aber
für die war die Sache damals damit auch gegessen.
Und
ich lag zu Hause dann nachts wach und dachte,
ich
hätte doch noch irgendwas versuchen können.
Aber
was? Also,
das
war eben
sehr
frustrierend. Und
ich
glaube, so ein Schlüsselmoment war,
wir
hatten einen jungen Menschen dort, der gewalttätig war, gerade gegen Mädchen. Also, körperlich. Der hat einfach mal zugeschlagen oder irgendwas in der Art gemacht. Der hatte auch, glaube ich, eine Anzeige laufen wegen irgendwie versuchter Vergewaltigung oder was auch immer. Ich weiß es im Einzelnen nicht mehr, aber das war
ein
echt unangenehmer Zeitgenosse.
Und
ich habe mich dann abends einmal auf dem Heimweg erwischt. Ich habe ja den Trajet
von
Deutschland nach Frankreich gehabt. Da saß ich dann im Zug und dachte,
ich will
mit sowas eigentlich gar nichts zu tun haben. Und das war für mich echt so ein Schlüsselmoment, wo ich dachte, okay, so solltest du als Erzieher nicht denken.
Und
auch mit dem Wortlaut, dass ich dann so dachte,
mit
sowas will ich
nichts zu tun haben.
Ja, aber das ist wahrscheinlich halt part of the deal, wenn du in so einem Time... Ja, aber wie gesagt, das war für mich, glaube ich,
ich
wusste auf dem Papier, worauf ich mich einlasse,
wusste
es aber in der Praxis nicht.
Und
ich hatte ja kein Praktikum gemacht oder auch,
ich
hatte keine Erfahrung in der Jugendhilfe. Und
wie
gesagt,
von
diesem gesonderten Ausbildungszweig oder von dem Studiengang Heim- und Jugenderzieher wusste ich gar nichts. Ich wusste das erst, als ich meine Kollegen kennenlernte, die sagten, ich habe gerade die Ausbildung zum Jugend- und Heimerzieher beendet.
Oh, das
gab es bei uns gar nicht in Berlin.
Oder
vielleicht gab es das, aber zumindest nicht so.
Gab
es auch Übergriffe auf euch, auf die Erzieher?
Also,
dass Jugendliche sich
Gewalt
anwendeten euch gegenüber? Ja. Wie geht man mit dem um?
Das eine Mal betraf es Gott sei Dank,
ja,
klingt jetzt so böse, Gott sei Dank nicht mich. Da hat es eine Kollegin betroffen.
Das
war in der ersten Wohngruppe ein junger Mann.
Ich
hatte,
wir
hatten den Spätdienst noch zu zweit. Ich war beim Abendessen noch da, da war alles in Ordnung. Dann hatte ich Feierabend gemacht und die Kollegin hatte den 24 Stunden, also den Nachtdienst.
Und
zwei Stunden später stand der junge Mann, 19 Jahre, sportlich, kräftig,
nackt
mit einer Erektion vor ihrem Büro und hämmerte auf die Tür ein.
Und
der hatte sich im Internet irgendwelche Drogen beschafft,
ich
glaube LSD oder etwas LSD-artiges. Und war nicht mehr er selbst.
Und
sie hat, er war der einzige Junge in der Wohngruppe damals. Sie hat,
es
war 21 Uhr ungefähr, sie hat
den
Mädchen gesagt, sie sollen in ihre Zimmer, sie sollen die Tür zu machen.
Sie
hat ihn irgendwie auf Abstand gehalten, hat den Krankenwagen gerufen
und
hat den
rausgelockt,
sozusagen, dass er dann rausgeht und dann, dass der Krankenwagen ihn dann abholen kann. Aber der hat sie bespuckt, der ist sie körperlich angegangen.
Und
sie hatte sowieso schon gekündigt, sie hätte noch einen Monat gehabt,
aber
nach der Nacht war sie dann weg. Und er auch, also der ist dann sofort entfernt worden aus der Jugendhilfe.
Also
ich habe den nie wieder gesehen.
Das
andere Mal, das war auch in der Wohngruppe, da hatte
ein
junges Mädchen,
ja,
die hatte ein Messer zu
greifen
bekommen, das lag auf dem Tisch.
Die
hatte,
die
war Borderlinerin und die hatte in dem Moment so,
like
God,
sozusagen,
ja, also nicht wirklich, aber die hatte halt dann so, ja, ich weiß gar nicht mehr, was ich gesagt hatte. Ich hatte irgendetwas gesagt, was ihr nicht gepasst hatte. Und da hat sie dann das Messer gegriffen und
sie
stand dann so vor mir. Also es ist nichts passiert, weder mir noch ihr.
Aber
das war so eine Situation, wo sie sagte, guck mich an, guck mich endlich an. Und dann gucke ich sie an und sagte, wieso guckst du mich an? Guck weg! Und dann sagt sie, ich bringe mich jetzt um und du bist schuld. Das war gerade kurz vorm Schichtwechsel gewesen. Also ich hatte gerade, war kurz vorm Feierabend, meine Kollegin kam für den Nachtdienst.
Und
die war 20 Minuten zu früh da.
Und
es war für mich schon gut zu wissen, dass sie im Nebenraum war. Also sie war dann im Büro, ich war eben im Gemeinschaftsraum mit diesen Mädchen.
Und
das endete auch gut. Sie hat dann irgendwann das Messer zur Seite gelegt.
Und
ich habe es mir dann genommen, damit sie vielleicht nicht wieder zugreift.
Und
es hatte sich dann aufgelöst, weil ich versucht hatte, ihr auch keine Munition mehr zu geben. Ich
habe nicht
geantwortet auf irgendwas, was sie, sie hat ja eine Beleidigung an den Kopf geworfen und so weiter.
Und
ich
bleibe
ruhig, einfach nichts sagen.
Ich
habe instinktiv oder intuitiv, habe ich in der Situation das Richtige gemacht, sondern einfach
ruhig
geblieben, still geblieben. Aber
auch
da bin ich nicht darauf vorbereitet.
Wird man auf sowas nicht
geschult
oder
eingeführt zumindest,
dass es
zu solchen Situationen
kommen
kann und wie man reagieren soll?
Es gibt Fortbildungen, klar.
Und
es gibt Schulungen, sicher.
Ich
bin in beiden Fällen,
in
beide Jugendeinrichtungen, Wohngruppen bin ich gekommen, ohne eine richtige Einarbeitung. Wegen Personalmangel. Und mir ist so nebenbei das Nötigste gezeigt worden. Ich wusste auch nicht, wie man das mit diesen Abrechnungen teilweise macht und so weiter. Das ist mir alles so.
Aber
eine wirkliche Einarbeitungszeit hatte ich nicht. Und
das
war auch hinterher in der Teamsitzung, als wir darüber gesprochen hatten, in der Supervision.
Ich
habe gesagt, ich habe zwar anscheinend das Richtige gemacht,
aber
es war
nicht
fundiert sozusagen auf...
Ja,
es war ein bisschen ein Glücksfall.
Es war
Glück.
Und
das hatte mich wirklich...
Also
auf dem Heimweg hatte ich damals geweint.
Und ich dachte,
das hätte
so... Also
nicht unbedingt, dass sie mir... Ich hatte jetzt nicht wirklich Angst, dass sie mir was tut, aber als sie dann das Messer gegen sich richtete und sagte, ich
bringe
mich jetzt um und du bist schuld, das war
schon...
Möchtest du auch nicht. Das möchte man auch nicht.
Also
was ich jetzt raushöre aus dem, ist ein bisschen, ich rekapituliere ein wenig. Ich meine, da gibt es sehr viele Quellen von Ursachen, Problemen, die auf euch Erzieher einprasseln.
Also
das eine ist die Kinder selber, die schwierigen Kinder, die sich nicht helfen lassen. Da kann ich mir vorstellen, dass man da Gewissensbisse bekommt, wie du vorbeschrieben hast. Dann gibt es diese bürokratische Hürden,
wo
du sagst, ich weiss nicht, ob das
auch
mit politischen Entscheidungen zusammenhängt, weil man vielleicht dokumentieren, protokollieren muss, um nachher sich abzusichern, dass man das und das gemacht hat und
damit
das quasi auch als Beweis dann dienen kann im Falle der Fälle.
Dann
sehe ich auch organisatorische, also einfach von internen organisatorischen Problemen, wie eben zum Beispiel, dass man zu wenig Ressourcen da einsetzen kann, im Sinne von auch eben die Schichten, die du sagst. Ich meine, das kann ich mir absolut vorstellen, dass so eine 24-Stunden-Schicht,
je
nachdem, wenn da viel läuft, dann bist du ziemlich auf Trab. Vor allen Dingen, wenn du alleine bist.
Das ist gerade
diese Situation
eben, da war ich froh, dass noch eine Kollegin da war.
Die hätte eigentlich,
wie gesagt, die hätte 20 Minuten später kommen sollen eigentlich, aber die war früher da.
Zum
Glück.
Und
es ist einfach manchmal gut zu wissen, da ist noch jemand. Die Wochenenddienste sind eigentlich immer allein. Unterhalb der Woche ist es so, du hast einen Dienst, der ist 24 Stunden und dann hast du meistens noch einen Spätdienst, der eben von 13 bis 21 Uhr da ist.
Das
hast du meistens von Montag bis Donnerstag. Da ist man also zu zweit im Dienst. Dann kann einer einkaufen gehen. Es müssen ja auch
jede
Menge Lebensmittel eingekauft werden für zehn Jugendliche, wenn die da essen.
Oder auch Haushaltsgeschichten. Also da muss... Also in einem Jugendheim sind circa zehn Jugendliche?
Oder
in dem
du jetzt warst? In dem ich
war.
Also in dem einen waren es... Verselbstständigungsgruppe waren vier und ich glaube zehn Jugendliche, wenn alle Plätze bereit sind. Also 14.
Und
in dem anderen
waren
zehn.
Und
diese Jugendlichen sind ja genau eigentlich in diesem Alter, wo auch ein bisschen so...
Ja,
wo man rebellisch auch wird, je nachdem. Und
wenn
da natürlich noch so Gewalttätigkeit, je nachdem, dann auch mal noch durchsickert. Also
ich
kann mir vorstellen, da hast du einen ziemlich großen Haufen
an
Sachen, die da rein
einschlagen,
oder?
Also
ich muss sagen, ich hatte in beiden Einrichtungen, glaube ich, vergleichsweise Glück.
Ich
glaube, da gibt es andere Einrichtungen, die weitaus
heftigere Probanden
haben.
Also
ich habe Glück gehabt, in beiden Einrichtungen zum Beispiel waren Drogen
fast
kein Thema. Also es kann natürlich auch sein, dass du
in
einer Jugendeinrichtung landest, wo
teilweise
sogar vielleicht sogar noch gedealt wird, oder wo irgendwelche Drogen versteckt werden, oder
wo
ständig irgendwas mit Alkohol...
Also
ich hatte, klar, habe ich auch mal Alkohol in einem Kleiderschrank gefunden, da hat jemand irgendwie eine Whiskyflasche versteckt oder was.
Das
sind Teenager, ja, das kommt vor. Und ja, die rauchen auch, okay. Aber ich sage wirklich, diese Drogensuchtproblematik hatte ich zum Beispiel nicht. Und auch mit der Gewalt hat sich das,
Entschuldigung,
in Grenzen gehalten.
Okay.
Das war im Vergleich, ich denke, da gab es, gibt es andere Jugendeinrichtungen, wo
es
härter zugeht.
Vielleicht
hatte ich auch einfach nur Glück in dem Zeitraum. Vielleicht, also ich habe schon gehört, dass Kollegen sagt, also da ist einer ausgezogen vor kurzem. Da hatten wir durchaus Probleme mit dem Kiffen
oder... Also was
ich wirklich mal, weil es wieder in die Ressourcen ging,
in
der ersten Wohngruppe, da hatten wir...
Da
war Urlaubszeit, eine Kollegin war krank und eine Kollegin war suspendiert worden, weil es da eine Grenzüberschreitung gab.
Die
hatte einer Jugendlichen ihre privaten Nummer gegeben, die haben sich privat getroffen, auch bei ihr zu Hause und so weiter. Das darf nicht sein.
So,
und dann blieben nur noch ein Kollege und ich übrig.
Und
dann hatten wir einen Monat lang
24
-Stunden-Dienst im Wechsel. Also
der
hat mich abgelöst, 24 Stunden später habe ich ihn abgelöst, dann wieder er mich, dann wieder ich ihn.
Und
das ging so einen Monat lang
und
ich
habe
nicht mitgezählt, aber ich meine,
ich
bin da mit über 200 Überstunden raus von dem Träger. Und wir haben immer wieder so wirklich Notfall, haben gesagt, also wir müssen entweder die jungen Menschen, die hatten ja alle Familie, haben gesagt, wir müssen die nach Hause schicken zu den Familien und das erst mal dicht machen, weil wir einfach,
wir
haben kein Personal.
Und
der Träger hat gesagt, ja, wir suchen, wir suchen
und
es passierte nichts. Das ist ja klar, du kannst ja auch keine Erzieher backen. Wenn keiner sich bewirbt, was sollen sie machen? Und wenn sie aus dem Urlaub wieder da ist, dann seid ihr ja schon wieder zu dritt. Ja, aber wir sind durch. Wir sind jetzt einen Monat lang oder ich weiß gar nicht, waren fast
vier Wochen. Ja, aber dann hast du ja auch noch Überstunden.
Wie
kompensiert die das
dann? In Ferien
oder in
Auszahlung? Das wird
ausbezahlt,
weil das
kannst du nicht, das kannst du nicht mehr abbauen. Wenn du 200, 300 Überstunden hast,
das wird
eine
Spirale. Während du abbaust, bauen die Kollegen auf, dann bauen die ab, dann
baust du wieder auf. Das ist ein Problem, bleibt dann ja auch. Das bleibt.
Das heißt, es wird ausbezahlt und dann ist eben das Problem,
und
das nehme ich der Buchhaltung heute noch übel,
die
hätten mir sagen sollen, du solltest dir nicht alle Überstunden auf einmal auszahlen lassen, weil dann kommst du in die nächste, rutschst du in die nächste
Steuerklasse. Ah ja,
Steuerprogression. Ja,
ja, und dann
habe
ich
gedacht, shit, dann habe ich mir das auszahlen lassen und dann habe ich hinterher ausgerechnet und dachte, scheiße, dann hast du jetzt für einen Stundenlohn von sechs Euro gearbeitet.
Und
da waren ja auch Wochenenden und Feiertage mit dabei.
Naja,
da wäre ja die Politik jetzt gefragt, um vielleicht eine Steuererleichterung zu machen für genau solche Überstunden, die getätigt werden. Ah, baff.
Also
mit der deutschen Steuer. Ich weiß gerade nicht,
es
brennt in Deutschland gerade an so vielen Stellen, dass ich tatsächlich nicht wüsste, wo man anfangen sollte.
Warum
hast du eigentlich Deutschland verlassen, wenn wir schon jetzt dabei sind? Hat das etwas mit dem auch zu tun, dass es so viele Brandhärte gibt?
Ach, alles. Nein, das ist
tatsächlich
eine sehr persönliche
Entscheidung
unterm Strich.
Weil
ich von klein auf
irgendwie
mit meinem Deutschsein
gehadert
habe. klingt so komisch, aber ich fühlte mich nicht richtig zugehörig. Warum?
Ich
habe nicht richtig reingepasst. Das hat sicherlich auch mit meinem Elternhaus zu tun, mit meiner Mutter. Da können wir mal einen eigenen Podcast übermachen. Also es ist ein,
dann
hat es mich immer irgendwie nach Frankreich gezogen.
Gar
nicht unbedingt sprachlich, aber kulturell, da war irgendetwas. Das war wie so eine
innere
Stimme. Okay,
das
ist eigentlich, dann war es ja nicht jetzt etwas Negatives in
Deutschland, was dich
gezögert hat, sondern einfach,
weil du... Nein, es war eine
Entscheidung, auch früher. Ich war früher, ich habe viele Jahre in England verbracht. Ich war viel in Spanien.
Es
war immer eher eine Entscheidung für die Welt und nicht gegen etwas, sondern es war wirklich positiv. Dass es dann
später teilweise
schwieriger wurde und dass ich mit vielem politischen auch nicht einverstanden war,
das
hat es dann einfach nochmal bestärkt. Und so mein letzter Punkt war tatsächlich,
du
hattest Benni Durer und seinen Mann hier. Und alles, was sie erzählt haben über Berlin, kann ich eins zu eins bestätigen. Und es war einfach nicht mehr lebenswert.
Es
war die letzten, ich war über 20 Jahre in Berlin
und
die letzten zehn Jahre waren wirklich nicht mehr schön. Also
die
Ausbildung war schön. Ich habe mich sehr wohl gefühlt in der Kita. Aber als es dann hinterher darum ging, ich hatte dann ja einen unbefristeten Arbeitsvertrag und habe
für
Berliner Verhältnisse dann auch okay verdient.
Sodass
ich dachte, ich kann jetzt aus einer Zweizimmerwohnung, aus der Einzimmerwohnung in eine Zweizimmerwohnung ziehen. Ich
habe
keine Wohnung gefunden. 60 Kilometer entfernt außerhalb von Berlin hätte es dann vielleicht was gegeben. Und dann dachte ich so jeden Tag irgendwie eine Stunde mit dem Zug reinfahren
und
abends eine Stunde zurück.
Und
wenn ich mal den Zug verpasse, stehe ich eine Stunde am Bahnhof? Nein. Und also teilweise haben die mir dann auch gesagt, was machen Sie denn beruflich? Ich bin Erzieher. Ach, dann bleiben Sie doch da, wo Sie sind. Da brauchen Sie doch jetzt keine größere Wohnung.
Und
ich wohnte in einer
35
Quadratmeter Einzimmerwohnung mit einer zugegebenermaßen recht schönen großen Küche
und
hohen Wänden. Also die Wohnung wirkte größer, als sie war. Aber das war eben,
ich
hatte Wasserschäden überall und eine Hausverwaltung, die sich nicht gekümmert hat. Also
das
war marode ohne Ende.
Und
ich habe da sieben Jahre gewohnt und ich habe mich nicht getraut, Leute einzuladen, weil einfach die Wohnung
durch
diese Wasserschäden, durch die schimmelnden Wände teilweise eben auch so muffelig gestunken hat.
Ja,
und ich hatte eine Hausverwaltung, die
taub
war.
Kurz
bevor ich ausgezogen bin, kam endlich der Vermieter aus Israel und hat sich alle, weil wir gesammelt hatten, alle Mietparteien im Haus haben die Schäden aufgelistet. Und dann kam der irgendwann und hat sich das ganze Haus angeschaut.
Und
dann haben sie auch gesagt, ach, mit ihrem Badezimmer, da machen wir was.
Ich
so, sehr gut.
Ich
habe meine Kündigung jetzt aber geschrieben, ich ziehe in drei Monaten nach Frankreich.
Aber
sieben Jahre hat es gedauert. Und
wenn
du 50, 60 Prozent deines Gehaltes nur fürs Wohnen ausgibst, ich zahle gern fürs Wohnen, aber dann soll die Wohnung auch
in
Ordnung sein, bewohnbar sein.
Und du
kannst nicht mehr am kulturellen Leben der Stadt wirklich teilnehmen. Also Berlin bietet nach wie vor unheimlich viel kulturell.
Aber
wenn ich
in
Vollzeit 2.000 Euro netto verdiene,
1
.200 Euro geht für die Wohnung drauf, dann zahlst du ja noch für deine Versicherung etc.
Und
so weiter,
dann
hast du 500 Euro zum Leben.
Geht
als Single irgendwie noch.
Ja, aber
da bleibt nichts übrig.
Und
mein Hund lebt ja nicht mehr, aber da hatte ich zum Ende ja auch noch so Tierarztrechnungen und so einen Spaß. Das sind alles so Sachen, wenn eine Tierarztrechnung für dich dann quasi schon Luxus wird.
Nö. Und
jetzt lebe ich in Frankreich in einer Stadt, wo ich doch wirklich einen schönen Lebensstandard habe.
Das
hat sich verbessert.
Ja, also...
Obwohl ja in Frankreich könnte man denken, dass das nicht unbedingt... Frankreich hat auch seine Probleme. Genau.
Und so weiter. Also ich weiß nicht,
ich denke mal, ich war noch nie in Berlin, aber ich könnte mir vorstellen, Paris hat wahrscheinlich auch ähnliche Probleme wie Berlin auch. Ja, aber Berlin ist ja nicht Deutschland
und Paris ist nicht Frankreich. Also
es
gibt ja noch ein riesiges Land drumherum und
kleinere
Städte und
es
läuft schon einiges besser, finde ich, als es wäre vielleicht in einer kleineren Stadt in Deutschland auch nochmal anders, wäre vielleicht auch nochmal besser als in Berlin. Denn
Berlin
hat halt mit der Gentrifizierung so zu kämpfen gehabt und
ja,
die Islamisierung will ich jetzt gar nicht so aufmachen, die Püchse der Pandora. Aber Berlin hat schon echt viel zu verkraften gehabt die letzten, sag ich jetzt mal, 15 Jahre.
Und
viele von meinen Berliner Freunden sind in kleinere Städte gezogen und meinen, dort hat es sich für sie auch verbessert. Nur für mich... Wie
viele,
die raus sind?
Ja, von meinen früheren Berliner Freunden, die ich so in meiner Anfangszeit in den ersten 5, 6 Jahren dort kennengelernt habe, da sind viele
in
kleinere Städte gegangen
wieder.
Also das waren ja damals auch noch so Schauspielerkollegen von mir, die sagten, also
ich
bin jetzt seit so und so vielen Jahren arbeitsloser Schauspieler in Berlin. Ich gehe jetzt, ein
Freund
von mir, der ist dann zurück nach Wien gegangen, der war seitdem nie wieder unter Engagement.
Ein
anderer Kollege, der ist nach Warburg, so in der Nähe von Kassel,
ist
der gegangen. Auch da
hat
er besser Arbeit gekriegt im Umfeld als in Berlin.
Also das
ist schon...
Berlin
hat natürlich einen gewissen Groove und hat auch seine Geschichte und es ist eine faszinierende Stadt, auch heute noch.
Aber
ich möchte dort auch nicht mehr leben.
Ich
möchte auch in Paris nicht leben. Also Paris ist wie ein Ameisenhaufen.
Da
bist du am Ende des Tages einfach so erschöpft von diesen ganzen vielen Menschenenergien, die dir entgegenkommen überall. Nein, also ich lebe jetzt im Elsass, in Straßburg. Es ist eine Stadt mit
ungefähr
300.000 Einwohnern.
Ist
nicht ganz klein, aber es ist doch beschaulich. Überblickbar. Ist überblickbar. Man ist überall mit dem Fahrrad schnell. Und die Franzosen haben etwas, was die Deutschen nicht haben. Das ist nämlich die Liebe zur Schönheit, die Liebe zur Ästhetik. Du hast die Alltagsästhetik, du hast dieses goldene Licht von den Laternen, du hast die Straßenschilder, sehen einfach
die
Hauseingänge, die Türknäufe. Also diese Alltagsästhetik ist einfach wahnsinnig schön
und
wird sehr gepflegt. Die Franzosen sind ja nicht ohne Grund sehr stolz auf ihre Kunst und Ästhetik.
Das
ist etwas,
das
wird in Deutschland eher, mal überspitzt gesagt, verachtet.
Das ist sehr
schön, was du sagst, dieses goldene Licht der Laternen, sagst du.
Ja.
Da kommen wir was ins hin. Nämlich, mir ist auch aufgefallen in den letzten Jahren, dass viele Straßenbelichtung
wurde
durch LEDs ersetzt. Und das Licht wurde, das warme Licht dieser Laternen, wo du sagst, ist goldene Licht, das dann nach warmem Licht, dieses gelbe Licht. Und es wurde jetzt sehr vieles ersetzt. Früher hatten wir auch dieses gelbe, warme Licht auf den Straßen. Und wenn du jetzt in der Nacht durch die Straßen gehst mit diesen neuen LEDs, das ist Kaltlicht, also im Blau-Segment.
Das
heißt,
das
ist eigentlich, Licht wird ja in Kelvin gemessen, warm und kalt. Und kalt ist eigentlich eher so,
also
das warme Licht ist eher so dieses Kerzenlicht halt, das warme, das... Das, was du in Paris hast. ...mutige, ja. Und dann kommt das Kaltlicht, was eher Richtung Tageslicht eigentlich geht, also so wie Richtung 5000 und drüber. Kelvin ist dann Tageslicht, oder? Und
die
Sache ist,
eigentlich
widerspricht es ja unserer Natur, dass wir in der Nacht mit Kaltlicht, also mit Tageslicht quasi beschossen werden. Das ist auch frauenfeindliches Licht, also das siehst du
ja... Okay, soweit, wo habe ich das Licht?
Nee, das siehst du ja furchtbar aus,
das
sieht man ja aus wie eine Wasserleiche.
Ja, genau, das ist so. Wenn du kaltes Licht auf ein Gesicht schießt, dann kommt das so über, wie wenn man in der Schweiz sagt, dann kränkelst du, also du siehst krank aus, weil viel Blaulicht im Gesicht.
Naja, nee, und Frankreich war halt immer sehr freundlich zu mir, muss ich auch sagen. Also,
ich
hatte damals in Berlin als junger Mensch, war ich zum Vorsprechen an der Schauspielschule
und
bekam damals noch, ich glaube, das machen sie heute nicht mehr, aber damals bekam ich dann noch so mit Stempel und Unterschrift
so
einen Vordruck, wo dann stand, wir konnten bei Ihnen keine künstlerische Befähigung feststellen.
Das
macht was mit einem.
Wir konnten bei Ihnen keine künstlerische Befähigung feststellen. Genau. Wie stellt man das fest? Im Vorsprechen.
Das war ja damals an den staatlichen Schauspielschulen, ist ja heute noch so, da hast du für
20
Studienplätze vielleicht 1000 Bewerber und dann wird eben beim Vorspielen, Vorsprechen ausgesiebt.
Das
ist eine ganz natürliche Auslese und so,
das ist
völlig in Ordnung. Aber was mich damals so mit,
ich
glaube,
war
ich noch 18 oder schon 19, also ich war
noch
auf der Schule, war noch nicht durchs Abi.
Und
da war ich dann da hingefahren zum Vorsprechen und ich bin rausgeflogen und bekam dann eben so mit dem Stempel und Unterschrift dieses Schreiben.
Und
das hat mich,
also
ich meine, ich bin jetzt 48, das beschäftigt mich anscheinend bis heute. Nein, aber ich wollte sagen, in Frankreich hatten wir mal Filmförderung für ein Filmprojekt beantragt
und
bekam einen Brief zurück, wo sie uns absagten. Wir haben pro Trimester so und so viel Geld zur Verfügung, können also nur so und so viele Projekte fördern. Und jetzt, wo das gesagt ist, möchten wir Ihnen mitteilen, dass wir Ihr Projekt wirklich interessant finden, dass es keine Aussage trifft über Ihre Fähigkeiten
und
dass wir uns freuen, wenn wir wieder von Ihnen hören.
Und
das war auch ein Standard schreiben, wie das andere auch, aber es war eben
der
Ton.
Und ja,
ich musste mich in Frankreich auch nie
für
den Beruf des Schauspielers rechtfertigen, wie ich das in Deutschland bis heute eigentlich immer muss. Warum? Musst du dich rechtfertigen?
Oder
ich bekomme das Gefühl, mich rechtfertigen zu müssen. Es ist dieses, es ist ja brotlose Kunst.
Es
wird nicht als Beruf anerkannt.
Es
wird nicht als Beruf gesehen.
Also
anerkannt schon, weil man
ja auch
eine Ausbildung
hat, aber es wird
trotzdem nicht gewertet.
Wenn man die
Leute fragt, aber das geht, ich glaube, es ist fast in allen künstlerischen Berufen in Deutschland so. Außer
man wird Hollywood-Schauspieler, dann ist man der
Pop. Ja, also in Deutschland
wird Kompetenz und Wertschätzung viel mehr über das Finanzielle definiert. Also Wertschätzung wird über Bezahlung ausgedrückt und nicht über Haltung. Ich denke, da geht es vielleicht
Musikern ähnlich.
Ja, alles
was...
Musik wird ja nicht mehr so gewertschätzt, jetzt mit Kia sowieso. Oh, das ist
gruselig, ja.
Man
kann es nicht mehr unterscheiden, das ist das Gruselige. Wir verlieren... Bei der Musik, ja. Wir verlieren so die... wie soll ich sagen...
Wir
können irgendwann unseren Sinn nicht mehr trauen.
Also ich habe
irgendwann mal gedacht, oh, das ist aber schön. Ich habe dann
den
Content-Creator, der das auf YouTube reingestellt hat, gedacht, wer ist denn diese Stimme? Die singt ja wunderschön. Und da hat er gesagt, ich erstelle alles über KI.
Ja, es
ist noch viel extremer, oder? Es ist nicht nur so, dass du es nicht mehr unterscheiden kannst. Es ist sogar so, auch wenn du es dann unterscheiden kannst, gefällt dir aber das von der KI besser, weil
es...
Sauberer ist? Es ist halt perfekt. Es ist so perfekt gemacht. Oder diese neue KI-Musik, die von allen Zeiten reinkommt. Und ich muss da sogar zugestehen, ich höre manchmal, wenn ich arbeite im Studio, so dann habe ich so YouTube-Playlists.
Und
ich habe das mal angefangen, einfach eine Playlist zu hören. Und das hat mir so gut gefallen. Und die Musik war einfach wirklich sehr ansprechend für mich. Und irgendwann habe ich dann herausgefunden, weil ich bin dann mal auf diesem Kanal schauen gegangen, was die Beschriftung ist, die Beschreibung ist. Und da, irgendwann habe ich es dann rausgelesen, lange nicht, aber wenn du dann bis zum Ende liest, dann kommt dann, ja, wurde liebevoll
von
Hand mit KI gemacht. Oder irgendwie so war die Beschreibung.
Und
dann habe ich gedacht, oh, wow, jetzt habe ich da drei Stunden Playlist gehört und das war komplett alles KI.
Und ich
muss aber zugestehen, und ich meine, ich möchte es nicht zugestehen, aber ich muss es, es waren Sachen, die mir gefallen haben. Also ich habe es wirklich gerne gehört,
oder?
Weil es auch,
die
KI generiert alles in einer Perfektion. Es ist so lupenrein, alles, oder?
Ja,
kann jetzt einem gefallen oder nicht. Ich stehe natürlich auch auf alte Sachen wie Jimi Hendrix und so. Die Sachen, die aber nicht so lupenrein sind und total kratzen und, aber ja.
Ja,
ich meine, gut, es ist ja wie mit vielen Dingen,
die
sind halt da.
Also
man kann ja auch viel,
ich
habe, wer war denn das?
Ich
weiß nicht mehr, wer es war, aber
da
ging es so um das politische Personal, was wir haben. Man kann sich jetzt natürlich immer wieder über Herrn Trump aufregen. Ja, der ist furchtbar,
aber
er ist halt trotzdem da. Wir müssen mit dem leben, was da ist.
Und
schön ist es, und das ist vielleicht nochmal so ein kleiner Schlenker zum Erzieher, das ressourcenorientiert, also oder lösungsorientiertes Denken. Guck mal, machen wir das Beste draus.
Das
ist ja was ganz Schönes. Aber wo du das mit dem Musiker noch erzählt hast, ich wohnte in einer WG mit einem sehr guten Musiker. Und das ist jetzt schon über zehn Jahre her.
Oh Gott,
zwölf Jahre schon her. Aber gut.
Und
der bekam einmal die Anfrage, ob er nicht einen Jingle
machen
könnte für eine Werbefirma, fürs Radio oder was das war. Und er hätte 48 Stunden Zeit, es müsste so und so viele Sekunden gehen und am besten auch schon fertig abgemischt. Und er war dann
Tag
und Nacht buchstäblich an diesem Jingle dran. Und dann hat er denen das rübergeschickt und hat dann gefragt, wie sieht es mit der Vergütung aus? Und dann haben die gesagt, ja wieso?
Sie
können das ja als Referenz angeben. Gefällt uns übrigens sehr gut. Und also mit dem saß man dann auch oft in der Küche und hat überlegt. Weil als Schauspieler arbeitest du ja auch oft untertariflich,
wenn
du überhaupt bezahlt wirst. Weil wir wollen ja spielen, wir wollen ja machen.
Die
Musiker wollen ja auch. Wir wollen Musik machen, wir wollen was kreieren. Damit wird ja auch gespielt. Also damit rechnen ja auch die Auftraggeber.
Und
das ist genau wie in den sozialen Berufen. Die Arbeitgeber machen viel mit uns, auch mit den Pflegekräften, in der Altenpflege, in der Krankenpflege.
Weil
sie wissen, dass wir ein Verantwortungsgefühl haben.
Die
Bindungsarbeit mit Jugendlichen oder auch mit Kindern in der Kita, das ist nicht zu unterschätzen. Du baust eine Bindung auf.
Du
hast diese jungen Menschen gern.
Und
da hast du ein Verantwortungsgefühl. Und auch mit den Kollegen. Also
ich selber
bin so oft krank zur Arbeit gegangen,
weil
ich dachte, mein Gott, das ist ja nur eine kleine Erkältung.
Oder
das kriege ich schon hin, den halben Tag mit ohne Stimme.
Und
Kolleginnen auch. Ich hatte eine Kollegin,
die
konnte kaum laufen.
Ich
sagte, jetzt geh doch nach Hause. Ja, aber ich kann dich doch nicht alleine lassen.
Und
dann saß die dann da und dann war Weihnachtsferien, Kita geschlossen. Und sie hatte dann irgendwann eine richtige Lungenentzündung, weil dieses Verschleppte nicht richtig auskurierte.
Und
da rechnen, glaube ich, die Arbeitgeber mit.
Und
das
trifft
sowohl auf die künstlerisch-kreativen als auch auf die sozialen, pädagogischen Berufe zu.
Ja,
es
ist
eine große Loyalität da und dass die Leute, die das wissen, können das natürlich auch sich zunutze machen.
Ich
glaube, auch nicht mal mit böser Absicht, sondern einfach
opportunistisch. André, ich
möchte zum Ende kommen. Ja? Ich möchte mich,
nein,
ich bedanke mich noch nicht. Ich habe schon noch eine letzte Frage vielleicht.
Wenn
du Kinder hättest,
würdest
du sie in eine Kita schicken? Und auf was würdest du achten?
Ich
würde sie auf eine Kita schicken.
Und
was würdest du als Empfehlung geben, auf was man achten soll,
dass
sie auch in einer Kita landen, wo ihnen gerecht wird?
Also
erst einmal würde ich gerne, wenn es möglich ist, die Kita ein paar Male besuchen.
Einfach zu
gucken, dass man sich vielleicht dort,
wenn
die einen Garten haben,
dass
man sich da mal hinsetzen kann und schauen kann.
Dann
würde ich, glaube ich, Kununu befragen. Kununu ist so ein Portal und schauen, wie die Arbeitsbedingungen für die Erzieher sind,
ob
die Kita eine hohe Fluktuation hat. Das ist ja immer auch ein Qualitätsmerkmal, wenn
ein
Träger oder ein Haus über lange Zeit dasselbe Team hat. Das ist eigentlich ein gutes Zeichen.
Wenn viel
gewechselt wird, dann würde ich sagen, hat wahrscheinlich Gründe.
Und
das möchte ich nicht, dass sich das auf meine Kinder abfärbt.
Weil
das sind am Ende immer die Leidtragenden. Und Kinder haben einen,
ich
bin immer wieder beeindruckt,
was
Kinder für feine Antennen, für Stimmungen haben.
Also,
man sagt ja, gestresste Eltern haben gestresste Kinder. Selbst wenn die Eltern versuchen, den Stress so
sich
nicht ansehen zu lassen.
Oh,
die merken das so gut. Das ist
sehr
beeindruckend.
Und
deswegen, ich würde schon
auf
eine herzliche Atmosphäre achten.
Also
eine wohlwollend herzliche Atmosphäre.
Und
ich würde tatsächlich gucken, da ist das Internet ja wirklich ganz gut, dass man so gucken kann, zufriedene Eltern, Fragezeichen. Wie ist die Kita so bewertet? Und eben auch von den Mitarbeitern bei Kununu,
dass
man schaut, wie zufrieden sind die Mitarbeiter.
Also
du würdest dich auf Online-Portale vor allem verlassen. Und innerhalb der Kita, in den Strukturen, was würdest du da achten?
Ich
finde, altersgemischte Kitas gut.
Ich
finde, Waldkita ist ein wahnsinnig schönes Konzept, wenn es passt. Ich würde schauen, dass wirklich
ein
Garten da ist oder ein Außengelände zumindest, dass das Kind wirklich raus kann an die frische Luft.
Weil
das ist mit das Wichtigste und das geht gerade in den Städten
verloren.
Ja, vielleicht auch, dass Männer und Frauen, sowohl Männer als auch Frauen in der Kita arbeiten. Dass das Kind oder die Kinder Männer und Frauen kennenlernen.
Ich
bin kein Freund vom offenen Konzept. Also ich würde auch schauen, dass die Kita das offene Konzept nicht hat. Also das sind so Sachen,
da
würde ich vielleicht drauf achten. Und Ernährung ist auch
ein
ganz wichtiges Thema tatsächlich. Aber ich glaube, da sind die meisten Kitas in Deutschland ganz gut aufgestellt. Dass sie den Kindern jetzt
kein
Hundefutter servieren oder sowas. Ich glaube, da sind die Eltern...
Wobei
Hundefutter ist ja gar nicht so wahrscheinlich.
Ja,
war jetzt ein doofes Beispiel.
Ich meine,
mittlerweile wird ja so viel Hundefutter gibt es da. Und das ist ja alles schon Luxusfutter. Ich glaube, da gibt es Menschen, die... Ich behaupte mal, da gibt es Menschen, die ernähren sich schlechter als gewisse Haustiere.
Ja,
aber
ich zum Beispiel, ich habe jetzt eine Kita kennengelernt. Da haben die vormittags eine Köchin da, die wirklich alles frisch... Gut,
das
ist eine kleine Kita. Die haben nur 30 Kinder, glaube ich, insgesamt. Und die sind auch nicht immer alle da. Aber die macht jeden Tag
selbst...
Es gibt nicht mal eine Tomatensauce aus der Dose, sondern die macht wirklich die Tomaten aus frischen Tomaten. Okay,
aber da
musst du schon auch Glück haben, dass du so jemanden...
Da
muss man Glück haben. Aber wie gesagt, da kann man ja gucken. Also
ich
habe ja das große Glück, keine Kinder zu haben und diese Entscheidung nicht
treffen
zu müssen. Aber jetzt hypothetisch, also das sind alles so Sachen, wo ich denke,
ja...
Ausgewogene Ernährung.
Gibt
es etwas, das du noch erwähnen willst, was dir auf dem Herzen liegt, dass du vielleicht während dem Gespräch
irgendwie
nicht konntest?
Da
müsste ich jetzt echt überlegen. Und ich glaube erst mal nicht. Wir haben gut gesprochen.
Ja. André, ich möchte mich bedanken, dass du hierher gekommen bist und einen Einblick gegeben hast in diese Welt der
Kita
und Jugendhilfe auch.
Ich
hatte keine Ahnung, was da... Also
ich
finde es schön, weil du hast immer ein bisschen beides gezeigt. Du hast gezeigt, okay, da gibt es grosse Herausforderungen
und
es gibt aber auch sehr viele gute und schöne Seiten da. Ich weiß nicht,
wo
dein Weg jetzt hinführt in dieser Arbeitswelt, aber ich wünsche dir jedenfalls, dass es in die Richtung geht, wo du dich gut fühlst dabei, wo für dich stimmt, wo du etwas findest,
dass
es sich lohnt, morgens aufzustehen. Und
ich
bedanke dir die Hand. Das ist ein
wunderbarer Wunsch, da danke ich dir. Ja,
das ist
mit das
Schönste, was man jemandem wünschen kann.
Okay, ja, danke. Das ist mir jetzt einfach so in den Sinn gekommen, weil ich, wenn ich so dir zugehört habe, dann denke ich,
das
wäre, was du
aus
meiner Sicht verdienst. Dankeschön.
Ich
danke dir auch. Ich danke dir für diesen.